Stefan Schröder

Eitens Welt 4.0

Nestbau

Gestern haben wir unsere Wohnung für den neuen Erdenbürger vorbereitet. Dabei musste ich so manchen alten Zopf abschneiden. Was sich wieder mal besonders gut an Gegenständen veranschaulichen lässt. Mit solchen Gegenständen geht auch immer ein Stück gelebtes Leben zur Wohnungstür hinaus. In meinem Fall waren dies:

Eine Olympia „Monica“ – Schreibmaschine. Mit dieser erledigte mein Vater damals seinen Schriftverkehr im Dienste des örtlichen Männergesangvereines. Ich musste dann manchmal diese berühmten Postkarten schreiben, auf denen Einladungen zum Freundschaftssingen verschickt wurden. „Wir nehmen am Freundschaftssingen des MGV teil

- am Freitag
- am Samstag
- wir kommen nicht.

Und ich musste derartige Postkarten anderer Vereine beantworten. Und war wirklich verlegen, als wir absagen mussten. Damals war ja überall noch nicht so viel Hurra. Da jagten sie jetzt beispielsweise in Altenkleusheim oder Niedergockelsohl nicht monatlich irgendeine „Beach – Party“ – Sau durchs Dorf, und „Ü 30″ – Parties gab es auch nicht. Man ging halt einfach in die „Ampel“ nach Weringhausen.
Naja, die Schreibmaschine stand nun schon wirklich gefühlte 30 Jahre bei uns rum, und ich habe sie immer von Ecke nach Ohr geräumt, vielleicht aus einem albernen Verpflichtungsgefühl meinem Vater gegenüber heraus. Nun hat mein Neffe sie mitgenommen.

Ein Notenständer, der gleichzeitig Flansch für eine dieser langen Boxen ist, die in unserer Kirche hängen. Diese Box samt Mikrofon dient als Verstärker
Dieses oder zumindest ein ähnliches Gerät nahm der Herr Pastor bei Beerdigungen immer mit auf den Friedhof. Als ich Messdiener war, musste ich diese Mopeds schon mal tragen. oder Weihrauch oder direkt das Kreuz vorne Weg. Da war es also sowieso schon gruselig genug. Und dann auch noch diese quäkige Verstärkung des Satzes mit „demjenigen aus unserer Mitte, der…“, naja, Ihr wisst schon. Da gucken dann alle immer am betroffensten aufs Pflaster. Das Gerät jedenfalls hatte Pastor Rinschen auf seinem berüchtigten Hauströdel für 10 Euro angeboten und ich habe es aus Nostalgiegründen mitgenommen. Erstens war es für einen guten zweck (Somalia oder so) und zweitens muss ich meiner Begeisterung für Flohmärkte aller Art ja auch materiell Ausdruck verschaffen. Und übrigens drittens hatte ich wirklich was Technisches damit vor, aber das war Quatsch und ich hatte nie Zeit. Sei´s drum. Es freut sich auch diesmal wieder: Mein Neffe.

Ein alter, kleiner Küchentisch
Da stand ich nun irgendwo in unseren 170 Quadratmetern Wohnfläche und sinnierte: Damit haben wir mal angefangen? Unglaublich! Undenkbar in Zeiten sorgfltigst ausgesuchter Tische junger, postmoderner Familienentwürfe für mindestens mal acht Personen (falls Mama und Papa ihren jeweiligen Lebenspartner mitbringen sollten oder die Jasmin Tageskind Nele auch noch mitbringt oder so). In der Wohnung am Kehlberg war an solche postmodernen Lebensentwürfen gar nicht erst zu denken. Wir waren froh, dass wir eine Unterlage für die Müslipötte haben. Und die steht nun erstmal in Nachbars Garage. Werkbank oder Holzschrott? Auch beim Nachbarn entscheiden schließlich, wie einst bei Einstein, Zeit und Raum.
Nachtrag zum kleinen Küchentisch: Ist es nicht der Wahnsinn? Auf unserer so genannten „Schlafetage“ haben damals meine Eltern eine komplette Wohnung eingerichtet. Was diese Generation wohl manchmal über unsere ulkigen Platz- und Erziehungsansichten denkt? Bemüht Euch nicht zu antworten, ich weiß es aus eigener Erfahrung lngst selbst.

Ein Dartschrank mit ausgelullerter Scheibe
Was habe ich mir mit Ecki damals im Hohen Heckenweg Schlachten geliefert. Lange vor den Kickerduellen mit Jens im NewKOMMA hatte ich mit Ecki schon einmal einen perfekten Partner für Sport gefunden. Zwanglos trafen wir uns im Flur und warfen ein paar Pfeile. Die Scheibe nebst Schrank überstand Kehlberg und die Anfangsjahre unserer jetztigen Wohnung. Er musste einem „Sendung mit der Maus“ – Bild weichen. Mit ihm gehen hoffentlich nicht die Erinnerungen an die Zeiten im Hohen Heckenweg Münster.

Es ist schon verrückt, wieviel Seele in Dingen steckt. Ich musste mein Büro verkleinern, um ein neues Nest zu schaffen. Aber es ist wirklich besser so: Die Amsel wirft ja auch erst Heu und Scheiße vom Vorjahr aus dem Nest, bevor sie neue Eier rein legt. Ja, Basti, ich weiß, dass Amseln jedes Jahr ein neues Nest bauen. Aber die Metapher war einfach zu geil.

Kindheit reloaded: Orko aus dem Zauberland

Ihr kennt ja meinen Spleen: Dinge, die mir in der Kindheit Sicherheit gegeben haben, tun es meist auch heute noch. So ist das bei Dinosauriern, LEGO und Star Wars. Ich bin sehr froh, dass die klassische Tradition dieser Phantasiewelten und ihrer Umsetzung als Spielzeuge und Filme fortgesetzt wird. Star Wars – Episode I kommt neu in 3D in die Kinos, auf einer Fensterbank im Josefshaus steht so mancher Dino, den ich nicht mitgebracht habe und über LEGO müssen wir uns nicht mehr wirklich unterhalten.
Ich hatte aber als Kind noch eine andere Leidenschaft: Die „Masters Of The Universe“. He-Man, Teela und co. kämpften immer wieder gegen Skeletor und seine Schergen, der nichts unversucht ließ, Eternia unter seine Kontrolle zu bringen. Mein Gott, was habe ich die Hörspiele genossen, stundenlang auf dem hellbraunen Teppich im Spielzimmer. Wie habe ich um die Orko-Figur gebettelt, in einem Laden, der früher einmal Globus hieß. Orko? kennt Ihr den noch? Der wich extrem vom Standardaufbau der üblichen Actionfiguren ab (Fellhöschen a la Manowar, drehbare Taille, Gummikopf. He – Man sah immer so lustig aus, wenn man ihm den Mund eindrückte, so, als htte er ganz fette Lippen und keine Nase, also etwa so wie Kim Gloss aus dem Dschungelcamp normalerweise) und sah eher aus wie ein Dreieck mit Hut. Bestimmt hat der eine oder andere Jawa (siehe Star Wars) seinerzeit Pate gestanden für die Konzeption des Magiers, einem Trollaner. Orko ist auf Eternia oft Zünglein an der Waage, unsicheres Moment, er hätte in seiner Wirkung auf die Handlung den Stollentrollen in Walter Moers genialen Büchern bestimmt alle Ehre gemacht.

Oh Orko aus dem Zauberland
Reiche mir deine helfende Hand
Hilf, dass Skeletor der Kopf
Rollt in He-Mans Suppentopf

Oder sowas hat Orko immer gesagt. Dann ging ein Glöckchen und irgendetwas war geschehen. Leider war Teela nie nackt oder Hordak und seine Kiffergang nie auf einer Bühne vom Metalkonzert (das gab´s alledrings auf der echten Erde und hieß LORDI), aber immerhin gab es mal zwischendrin Butterbrote, ein Fabelwesen musste pupsen oder eine Höhle stürzte ein oder sowas. Oft griff der kleine Clown entscheidend in eine Schlacht mit ein und war dadurch so klein und doch so mächtig. Sowas fand ich immer total super. Und wenn heute ein junger Mensch beim Fernsehen ruft: „Ich bin der und der“, dann muss ich immer voll in mich reinschmunzeln. Hier eine kleine, aber reprsentative Auswahl an Wesen, die ich schonmal gern gewesen wäre, so zwischen 12 und 18: Rocky Balboa, Luke Skywalker, Orko (na klar!), ein Deinonychus, Bruce Dickinson.
Noch irgenwelche Fragen? Nein? Aber ich:
Warum hat Orko sich selbst angesprochen in seinen Sprüchen? War das Wesen, das wir Orko nennen, vielleicht nur ein Medium oder Handlanger des echten Orko? Oder passte das einfach besser ins deutsche Reimschema? Mir wäre ernsthaft daran gelegen, war MOTU – Fans darüber denken.

Am Rad drehen

Ich drehe am Rad
Du drehst am Rad
Er / Sie / Es dreht am Rad
Wir drehen am Rad
Ihr dreht am Rad
Sie drehen am Rad.

Aber wo fahren alle hin?
Was treiben alle Riesenhamster an?
Was treibt alle Riesenhamster an?
Wann landen alle Riesenhamster unterm Rad?
Wann sterben sie im Rad am Herzkasper?
Cocooning, einlullen zu Hause, weil alles so stressig ist.
Nichts mehr für die Gemeinschaft tun. Ist ja bequemer.
Lieber auf die Politiker schimpfen. Diese Wulffs, zu Guttenbergs, all die bösen Buben.
Nicht mehr mitgestalten.
Abschalten.
Man ist ja bekloppt, wenn man da noch mitmacht.
Der Ehrliche ist der Dumme.
Die machen doch eh, was sie wollen.
Privatier sein, seinen Arsch im Trockenen haben.
Den Jungen das Feld überlassen,
die selbst kurz vorm Kollaps sind.
Stundenlang nach einem Vorsitzenden suchen.
Freiwillige Mitarbeiter Hände ringend gesucht.
Kunst und Kultur auf dem Abstellgleis.
Kein Geld für Jugendliche.
Größere Gefängnisse sind interessanter.
Die Familien werden im Stich gelassen.
Lieber in Rüstung investieren.
Lieber Griechenland retten, die alten Saubacken.
Lieber China unterstützen durch die vierzehnte Puppe fürs Baby.
Lieber die USA unterstützen, wenn sie in den Krieg ziehen. Lieber zuschauen, wie Texas „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ spielt.
Foren für die verfluchten Kreationisten.
Die Scheiß Chinesen.
Zeitgeist. Hektik. Eigenheim.
Verfluchter Staat aber auch. Die nehmen uns alles.
Kein Geld für Bildung.
Keine Hoffnung.
Lieber die dritte Welt weiter plätten statt versuchen, die Welt zu retten.
Fleisch fressen.
Trinken, rauchen, kotzen.
Kompensation für verfehltes Leben.
Schuld und Sühne.
Ich drehe am Rad
Du drehst am Rad
Er / Sie / Es dreht am Rad
Wir drehen am Rad
Ihr dreht am Rad
Sie drehen am Rad.

Wulffen

So schnell entstehen neue Worte. Habe heute bei Günther Jauch erfahren, dass „wulffen“ dreierlei bedeuten kann:

1. Jemandem den Anrufbeantworter sinnlos vollquatschen
2. Dinge einfach einstecken, ohne zu bezahlen
3. Nicht ganz lügen und nicht ganz die Wahrheit sagen, sich irgendwie durchmogeln.

Ich kommentiere das nicht weiter, denn ich bin keiner dieser Spießbürger, die ihr Haus schwarz hochziehen, sich „Steuertipps 2012″ kaufen, wie bekloppt Tannenbäume spritzen, beim Dschungelcamp mitfiebern oder das Büffet einer Feier plündern, auf der sie nicht eingeladen waren, sich dann aber über die verkommene Moral unserer Gesellschaft beschweren. Da muss ich tatsächlich an Jesus denken, diese Story mit dem ersten Stein.

Ich habe mir vorgenommen, weiter vor meiner eigenen Tür zu kehren (da kenne ich wenigstens Grundstück und Besen), weiter viel nachzudenken und noch mehr von Hagen Rether zu sehen und zu hören. Klingt komisch, mache ich aber.

P.S.: „Hartzen“, „Wulffen“,…: Wofür könnte „Eiten“ stehen, wenn es ein Verb wäre?

Artikel Nummer 150

soll ein ganz besonderer Artikel werden. Ich gebe Euch nämlich heute einen Einblick hinter die Kulissen. So eine Art „Making Of“. Ob Ihr nun danach fragt oder nicht- ich mache es einfach.


Ort

Mein „genius loci“ ist mein Schreibtisch mit Blick aufs Falker. Ich brauche zum Schreiben nur etwas Hintergrundmusik und ein Fenster, aus dem ich schauen kann. Kreuz und quer mit Laptop in der Wohnung wäre mir nix.


Zeit

Ich bin am kreativsten abends, eigentlich also genau um die Uhrzeit, an dem dieser Artikel auch gerade entsteht. Abends bin ich nicht mehr so hibbelig bezüglich anstehender Tagestermine. Und ich habe im Idealfall tagsüber was erlebt, was mit einfließen kann in meinen Eintrag. Ich bin abends eher im betrachtenden, reflektierenden Modus, nicht mehr im aktiven, reagierenden, hektischen.

Ideen
Was genau ich schreibe und warum ausgerechnet das und nichts anderes ist ein Geheimnis, das ich selbst noch nicht ergründet habe. Ich vermute, ein Thema eignet sich dann am besten, wenn ich weiß, dass viel Leser mitfühlen können und es sie unterhält und nachdenklich stimmt. Der Anteil der Selbstdarstellung ist im Vergleich zu www.eiten.de vor rund zehn Jahren von 90% auf etwa 1/4 geschrumpft. Natürlich muss man eine gewisse Grundbeklopptheit mitbringen, zu glauben, dass das Geschriebene auf eine interessierte Leserschaft trifft, aber ich bilde mir nicht mehr ein, dass alle, die mein Blog lesen, mich für den Messias halten. Statt dessen verschafft es mir einfach ein gutes Gefühl, querbeet aus meinem Alltag heraus Betrachtungen zu vertiefen oder zu kommentieren.


Resonanz

Ich bin sehr stolz, bei 4900 Klicks pro Jahr angekommen zu sein. Natürlich ist da einzuwenden, dass viele Spambots unterwegs sind und viele Zufallstreffer von Menschen, die nicht mich gezielt lesen wollen, sondern weitergeleitet werden von Suchmaschinen („Parasiten im Ohr“ zum Beispiel wurde häufig gesucht, und die Leute kamen auf meinen legendären Artikel „Mit einem Affen aufwachen“.
Ich denke, realistisch betrachtet komme ich auf eine Stammleserschaft von rund fünfzig Mann, und das macht mich schon stolz.
Am meisten Resonanz finden meine Artikel, in denen ich Namedropping betreibe. Wenn ich also auf das aktuelle Mediengeschehen eingehe etc.

Historie
Es war nicht immer alles so koscher in den ersten Versionen meiner Internetpräsenz. Schwamm drüber. Längst gegessen. Wer heute hier Frotzeleien zum Dorfgeschehen, Tiraden auf Schönholthausen oder persönliche Beleidigungen erwartet, muss Dschungelcamp gucken. Ich mag ja auch fast alle Menschen dieser Welt! Nur Guido Westerwelle hat wirklich pausenlos Dresche verdient, morgens BIS er lacht und abends dann WEIL er lacht. Aber ich kann ja nicht dauernd nur auf diesem Menschen rumhacken. Noch töter gibt es ja auch nicht.


Eiten liest?

Ja, das ist der einzige Luxus, den ich mir gönne. Etwas über meine Lektüre los zu werden. Wenn auch nur ein Mensch sagt, ich hätte ihn auf ein Buch gebracht, das ihn sehr beeindruckt hat, ist mein Ziel erreicht. Passiert es gar mehrmals – was will ich mehr?!


Veröffentlichungen?

Es ist bekannt, dass ich nicht nur hier gern schreibe. Ich tue das auch auf echtem Papier, und manchmal finden diese Texte dann Einzug in Fachzeitschriften oder Musik eigener oder fremder Bands. Gern und immer wieder. Einfach fragen!


„Doppelte Buchführung“

Ich schreibe neben diesem Blog von Hand ein echtes Tagebuch. Ich habe gemerkt, dass vieles, was schon darin steht, hier nicht mehr auftaucht. Das macht mich weniger angreifbar und nicht offen um der Offenheit Willen.


Ausblick

Ach ja, ich glaube ich mache einfach genau so weiter. Schreiben zentriert mich, schärft meine Gedanken und hält mich zusammen. So einfach ist das. So einfach bleibt das auch.

Eitens Schatzkästchen. Heute: „Even If…“ anno 2000

Photobucket

Those were the times! Etwa um die Zeit der Entstehung dieses Fotos kam Gerrit mit der Idee und den Basslinien zu „Humpty Dumpty“ um die Ecke. Und die „Mary Celeste“ war schon längst entführt. Oh Mann.
Unvergessen „Give It All“ im Autoscooter und „Pictures“ in der „Leeze“.
Ich sag nur „Give me Back The Qualities I Lack“…

2011 in review

Die WordPress.com Statistikelfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2011 an.

Hier ist eine Zusammenfassung:

Ein New York City U-Bahnzug faßt 1,200 Menschen. Dieses Blog wurde in 2011 etwa 4.900 mal besucht. Um die gleiche Anzahl von Personen mit einem New York City U-Bahnzug zu befördern wären etwa 4 Fahrten nötig.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Wieder mal bei Alfred

Inspirierende Besuche im Antiquariat. Im alten Renault – Autohaus – Ausstellungsraum hat Alfred sein Bücherlabyrinth mit über 30.000 vorrätigen Büchern. Da bin ich immer, wenn ich geistigen Input brauche. Von Büchern umgeben zu sein, verschafft mir Sicherheit, und zwar in doppelter Hinsicht. Einerseits geben mir die Bücherschluchten räumliche Geborgenheit. Andererseits ist es, als sei ich in einem riesigen Flur mit tausenden Türen und entsprechend vielen Möglichkeiten, mich im Spiegel der entsprechenden Literatur neu zu entdeckenr. Diese Ambivalenz lösen für mich nur Bücherwände wirklich auf. Wie viele Chancen da noch lauern, im Autohaus der träumenden Bücher! Heute allerdings war ich nicht zum Anschauen da, sondern ganz bewusst mit dem Ziel, mich geistig anregend zu unterhalten. Das ist mir sonst selten möglich, wobei ich ausdrücklich darum bitte, mir dies nicht als Arroganz auszulegen! So war denn auch alles angerichtet: Eine Kanne Kaffee, ein paar Kekse (dank Wurzelbehandlung leider schwer zu kauen…) und vor allem natürlich der großartige Alfred persönlich. Wir sprachen über Entfremdung im Sauerland, Kommunikation, streiften die Themen Berlin, Verantwortung, Kunst (Dioramen), redeten über Michael Weins, Thomas und Heinrich Mann, Alkohol oder Alfreds geplante Werbekampagne. „LeseZeichen“ soll der Laden bald heißen, und ein anspruchsvolles Logo ist schon entworfen. Schüler vom Gymnasium einladen, Leseförderung an Kindergarten, es ist ja auch so vieles möglich. Und Alfred will wirklich 2012 durchstarten. Dazu hat er sich auch ein extra Büdchen gebaut, ein Raum im Raum aus Ständerwerk. Mit kleinem Fensterlein Richtung Laden – der „McDrive für Bücher“ sozusagen. Alfred ist ein praktisch denkender Mensch. Statt besagtes Ständerwerk mit Dämmmaterial zu füllen und Richtung Laden mit Rigips zu verkleiden, hat er die offenen Rahmen mit Taschenbüchern vollgestopft. Das ist nicht ohne einen gewissen Charme. Vielleicht folgt bald eine Kinderecke auf dem Dach des Büdchens. Damit auch die nächste Generation nicht die Lust am Lesen verliert…In Zeiten von Kindle und RTL II – beides zum Aussterben verurteilte Einzelschicksale – gibt mir ein Ort wie das „LeseZeichen“ wieder Hoffnung, dass Buch und Kultur noch ein langes Leben vor sich haben. Die Gralshüter geben sich alle Mühe. Und ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass Alfred und ich die einzigen Idioten im schwarz-verspießerten Sauerland sind, die so denken.

Die Pustehand

Ich genieße einfach das Gefühl, etwas zu schöpfen. Was hier steht, ist vielleicht nichts anderes als das, was man an eine beschlagene Scheibe im Auto schmiert, während man an der Tanke auf jemanden wartet. Oder als das, was man beiläufig gedankenverloren kritzelt, während man am Telefon in der Warteschleife hängt.
Diese Pustehand, die sie damals in der Höhle gefunden haben, ist wahrscheinlich nichts anderes. Ein Urmensch wartete nachts in einer kalten Höhle, bis die Jagd weiterging. Die Fackeln waren an, und dann kam so ein Typ auf die Idee, seine Hand auf den Felsen zu legen und mit dem Blut eines Beutetieres darüber zu pusten. Und dann dachte der Urmensch „Boah, was ist das denn?“ Mehr aber auch nicht, denn er war ja ein Urmensch. Wir Jetztmenschen finden das dann und machen voll die Kunstentdeckung daraus, erstes Anzeichen menschlicher Selbsterkenntnis und so. Und der Höhlenmensch wollte nichts anderes als was gegen seine Langeweile zu tun. Kann gut sein, dass das eine oder ander „große Werk“ der Kunst oder Literatur ähnlichen Ursprungs ist. Und dass wir dem Urheber eigentlich keinen großen Gefallen tun, wenn wir groß „Kultur“ oder sowas davon ableiten.

Bitterfeld-Wolfen

„Another day in the city of pain
Sharing the life of the mad and insane
I´m staying awake while the city sleeps
Watching the low lifes the pimps and the creeks
And I´m waiting for the cleansing rain“ (Die Krupps – „The Last Flood“)

Bitterfeld-Wolfen ist einer dieser Orte, die genauso aussehen, wie sie heißen. Das ist im Osten anscheinend häufiger der Fall, mit vielen „Zsch“s am Anfang des Namens und „a“s an deren Ende.
Ich hatte das Vergnügen, vergangene Woche täglich 11 Stunden in diesem schönen Städchen unter freiem Himmel verbringen zu können. Da blieb es natürlich nicht aus, dass ich mit dem einen oder anderen Eingeborenen, der unser Freiluftlager passierte und es bisweilen auch betrat, ins Gespräch kam. Ich traf alle Sorten Mensch – ungebildete Kevins, 13 Jahre alt, die nicht 5 und 6 zusammenzählen konnten (ich habe es ausprobiert und war schockiert) und deren Geschwister Cindy oder Peggy heißen. Alte Omas, die noch in Ostmark rechneten. DDR – Nostalgiker, die mir wörtlich sagten „Naja, natürlisch nahm der Staat manchmal welchen die Kinder wech und steggte se ins Heim, wennse mol wos gesocht hoben gäggn Staat, abbo sonst wo olles bestens bei uns“. Fleißige Handwerker, die mit ihren Bullis vorfuhren. Türken, die mir Tee spendierten. Kahlköpfige Knallköppe am Imbiss nebenan. Und Menschen, die den Dreck und das Elend ihrer Stadt mit großer Würde trugen. Mich ärgerte besonders die „bescheidene“- CDU – Zentrale mit der überhaupt nicht aus dem Stadtbild herausragenden Fassadengestaltung. Da sieht man, wer da das dicke Geld hat… Ich sah viele Fahrradfahrer, Trabifahrer, mit Plastiktüten Vollbepackte, Betrunkene. Ganz viele Kombis, fast alle höchstens zwei Jahre alt. Viele Handwagenzieher. Und eine Oma, die eine rosa Perle aus einem durchsichtigen Türchen nestelte. Sie wollte auspendeln, ob die Schwingungen zwischen ihr und Baum passten. Zum Glück für uns drei – Oma, Baum und mir – passte es. Ich blieb aber kopfschüttelnd zurück und fragte mich: Was muss das für ein Land sein, in dem alte Menschen Zeit haben, Astro TV zu schauen und auch noch darauf reinfallen. Ziemlich reizarme Gegend.
Aber das ist nur die eine Seite. Ich traf wie gesagt viele herzliche Menschen und manche Plauderei endete auch nicht im politischen Eklat, sondern in einer stillschweigenden Einigung, dass wir immer noch alle Menschen sind. Egal, an welches Fleckchen Erde uns das Schicksal gespült hat…

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