Bitterfeld-Wolfen

by libraraptor

“Another day in the city of pain
Sharing the life of the mad and insane
I´m staying awake while the city sleeps
Watching the low lifes the pimps and the creeks
And I´m waiting for the cleansing rain” (Die Krupps – “The Last Flood”)

Bitterfeld-Wolfen ist einer dieser Orte, die genauso aussehen, wie sie heißen. Das ist im Osten anscheinend häufiger der Fall, mit vielen “Zsch”s am Anfang des Namens und “a”s an deren Ende.
Ich hatte das Vergnügen, vergangene Woche täglich 11 Stunden in diesem schönen Städchen unter freiem Himmel verbringen zu können. Da blieb es natürlich nicht aus, dass ich mit dem einen oder anderen Eingeborenen, der unser Freiluftlager passierte und es bisweilen auch betrat, ins Gespräch kam. Ich traf alle Sorten Mensch – ungebildete Kevins, 13 Jahre alt, die nicht 5 und 6 zusammenzählen konnten (ich habe es ausprobiert und war schockiert) und deren Geschwister Cindy oder Peggy heißen. Alte Omas, die noch in Ostmark rechneten. DDR – Nostalgiker, die mir wörtlich sagten “Naja, natürlisch nahm der Staat manchmal welchen die Kinder wech und steggte se ins Heim, wennse mol wos gesocht hoben gäggn Staat, abbo sonst wo olles bestens bei uns”. Fleißige Handwerker, die mit ihren Bullis vorfuhren. Türken, die mir Tee spendierten. Kahlköpfige Knallköppe am Imbiss nebenan. Und Menschen, die den Dreck und das Elend ihrer Stadt mit großer Würde trugen. Mich ärgerte besonders die “bescheidene”- CDU – Zentrale mit der überhaupt nicht aus dem Stadtbild herausragenden Fassadengestaltung. Da sieht man, wer da das dicke Geld hat… Ich sah viele Fahrradfahrer, Trabifahrer, mit Plastiktüten Vollbepackte, Betrunkene. Ganz viele Kombis, fast alle höchstens zwei Jahre alt. Viele Handwagenzieher. Und eine Oma, die eine rosa Perle aus einem durchsichtigen Türchen nestelte. Sie wollte auspendeln, ob die Schwingungen zwischen ihr und Baum passten. Zum Glück für uns drei – Oma, Baum und mir – passte es. Ich blieb aber kopfschüttelnd zurück und fragte mich: Was muss das für ein Land sein, in dem alte Menschen Zeit haben, Astro TV zu schauen und auch noch darauf reinfallen. Ziemlich reizarme Gegend.
Aber das ist nur die eine Seite. Ich traf wie gesagt viele herzliche Menschen und manche Plauderei endete auch nicht im politischen Eklat, sondern in einer stillschweigenden Einigung, dass wir immer noch alle Menschen sind. Egal, an welches Fleckchen Erde uns das Schicksal gespült hat…