Biologie, Dinosaurier

Vom Graben.


Salziger Schweiß brennt im Auge, seit zehn Minuten kribbelt hüftabwärts das Bein, die Bremse piekst ausgerechnet in die Augenbraue, und mein Rücken fühlte sich auch schon mal besser an.
Unter mir wird dank eines kleinen Tonschabers aus dem Künstlerbedarf das etwa laptopgroße Plateau, an dem ich kopfabwärts grabe, stetig tiefer. Tonige, lehmig-graue Kringel landen im Eimer, werden später auf großen Planen getrocknet. Dabei platzen die Knochen- und Zahnstückchen, die uns nicht direkt beim Schaben ins Auge gefallen sind, vom Sediment ab. Anschließend schwämmen wir das Material erneut und sieben es durch. Kleinste Fragmente, auf den ersten Blick kaum von eingelagerten schwarzen Kieseln zu unterscheiden, treten ans Tageslicht und werden sorgsam in mit Edding beschriftete Tütchen gepackt. Lesefunde.
Knapp 40 Grad Celsius in Balve-Beckum. Das bisschen Flauschwatte dort oben am Himmel geht leider nicht als Wolke durch. Schwalben fliegen scheu über den Schlämmteich, irgendwo piepst zaghaft ein Vogel. Der Wind ist seinen Namen heute nicht wert. Es flirrt und surrt und drückt einem die Flüssigkeit aus den Poren.
„Mittag!“,ruft Grabungsleiter Achim; der Körper saugt hastig das Wasser aus der Flasche, Lisa löffelt einen Reissalat, Lars schenkt sich noch einen Kaffee ein, Rebecca starrt müde auf den Tisch. Wir flachsen rum. Erzählen uns Unsinn wie: Die Theropoden haben damals feixend ihren toten Verstorbenen Federn als kultische Beigaben ins Grab gelegt und wir denken heute, sie seien die Vorfahren der Vögel.
Ich lasse hier und da Brocken aus meinem Fundus fallen, um dem anderen zu zeigen, ich bin zwar Laie, will aber dazu gehören.
Als ich letztes Mal meinem Vater nach der Rückkehr aus Balve stolz meine Erfahrungen schilderte, meinte er bloß sinngemäß, sowas brauche ja wohl kein Mensch.
Nein, von unmittelbarem Nutzen für den die Menschheit sehenden Auges ins Verderben schickenden entarteten Kapitalismus dieser Tage hat diese Grabung sicher keinen Nutzen. Die ahnungslosen Bürokraten, die oft über paläontologische Grabungen entscheiden müssen, sind in ständigem Zwiespalt zwischen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen. Ja, sehr wahrscheinlich fließt mehr Geld in den Strafvollzug oder die Psychiatrie als in die Bodendenkmalpflege.
Aber das, was wir da tun, hat einen Wert. Erstens: Schick mal einen Kleinkriminellen einen Monat mit auf Grabung, er würde Demut lernen. Nimm mal einen im Kopf mäßig stukturierten Menschen mit, gib ihm überschaubare Anweisungen bei einem realistischen Zeitpensum, es würde therapeutisch wirken. Man würde vielleicht sogar später Kosten sparen.
Zweitens: Wir Menschen sind immer schon auf der Suche nach unseren Ursprüngen, unserer eigenen Natur, der Vorgeschichte unserer Länder. Wir fragen uns nach unserem Platz in der Welt, verorten uns, stellen Fragen.
Eine gute Gesellschaft hält das aus und fördert es, nicht nur überheblich und beiläufig, wie wenn man einer exotischen, bettelnden Katze seine Fischreste vom Tisch hinwirft.
Meine ganz persönliche Erfahrung während dieser anstrengenden Stunden ist die: Ich bin Teil eines umfassenden Schöpfungsprozesses, den ich nicht einseitig steuern, aber beeinflussen kann. Eine Gesellschaft, die Menschen diese Erfahrung verwehrt, indem sie ihre Menschen auf Nummern, Anträge und Funktionen reduziert, ist auf dem absteigenden Ast.
Hier hocke ich gerade knietief im Erdmittelalter, es gab eine Welt lange bevor ich in ihr rumgeeiert bin. Es wird eine Welt geben, lange, nachdem ich die Möhren unter der Erde anknabbern kann.
Oben werden weiterhin jahrtausendelang Federwölkchen ziehen, und die Insekten werden brummen. Sie stechen dann halt bloß einen anderen.
Vielleicht ja jemanden, der nach meinen Resten gräbt.

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Gesellschaftskritik, Glaube und Spiritualität

Wussten es längst bess (tn) er: Lustig, Fromm und Kästner

Hallo, guten Morgen! Na, womit bist Du gerade eigentlich und hauptsächlich beschäftigt? Wovon lenke ich Dich ab? Welche Tätigkeit, welche Gedanken, welche Gegend ist gerade so wenig erfüllend, dass Du es vorziehst, mich mit einem schnellen Klick in meiner Welt zu besuchen? Was genau macht diesen Text gerade attraktiver als das, womit Du beschäftigt warst? Oder kennst Du gerade Deinen Hauptfocus überhaupt nicht? Machst Du so viele Dinge gleichzeitig, hast Du so vieles parallel am laufen, dass es Dir auf die fünf Minuten, die Du Dich jetzt mit diesem Text beschäftigen wirst, auch nicht mehr ankommt?
Wohl die wenigsten unter Euch haben gedacht „Oh, endlich wieder ein gut komponierter Text von Herrn Eiten, für den ich mir aber erst später Zeit nehmen möchte. “ Die meisten waren dankbar für die Möglichkeit, mal eben rasch woanders hin abzutauchen. Es gibt noch eine dritte Variante, die heißt „oh, endllich wieder eine Eitens Welt, die muss ich mir sofort reinziehen, der schreibt immer so gut und lustig und nachdenklich.“
Darüber würde ich mich einerseits freuen, weil ich diese Runde in einem ewigen Wettkampf um Aufmerksamkeit gewonnen habe. Andererseits würde es mich aber auch nachdenklich machen.
Willkommen in der Ablenkungsgesellschaft! Die ich jetzt gerade bediene und unter der ich gleichzeitig sehr leide. Was glaubst Du, wieso blogge ich? Weil ich planvoll, mit einem ausgearbeiteten Plan ein diszipliniert aufgestelltes Konzept abarbeite? Oder eher, weil bezogen auf meine Texte Impuls auf Können und Gelegenheit trifft? Wovon lenkt mich gerade das Schreiben dieser Zeilen ab? Und wieso ist es mir wichtiger, jetzt ein paar Zeilen an die Außenwelt zu schicken, als selbst tätig zu sein und mich meinem Kram zu widmen? Im Bad sieht es nicht gut aus. Die Kaninchen haben bestimmt Hunger und die Küchenarmatur ist seit Tagen wieder locker.
Landlust – Magazine erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit, weil da zum Beispiel eine Anleitung für schön geflochtene Kränze aus sorgsam gesammelten Blumen drinsteht oder man erfährt, wie man einen Unterstand für südsibirische Wollschweine baut. Aber die wenigsten klappen dann das Heft zu und sagen „Danke, nun habe ich meine Bestimmung gefunden. Auf geht´s!“ Den meisten genügt das Lesen mit heimeligem Gefühl mit der anschließenden Klage, ach, man käme ja ohnehin zu nichts.
So schütten wir das Kind mit dem Bade aus.
Ich denke an dieser Stelle an Erich Fromm, der den Unterschied zwischen Haben und Sein in seinem großartigen Buch so herausragend beleuchtet hat. All die schlauen Worte und Gedanken zum Thema dieser Eitens Welt gibt es also längst, zeitlos, ewig, einleuchtend.
Genauso klug war Peter Lustig, der am Ende seiner „Löwenzahn“ – Sendung an die Kamera klopfte und sagte, wir sollen jetzt die Glotze ausschalten.
Lustig und Fromm, tolle Namen für große Weisheit.
Die Kirsche auf meine heutige Texttorte darf Erich Kästner legen: „Denkt an das fünfte Gebot: Schlagt Eure Zeit nicht tot!“

Gesellschaftskritik

Vulkanwasser und mehr

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Wenn ich unter der Dusche nichts mit mir anzufangen weiß, lese ich die Texte auf den Shampooflaschen.
Seitdem weiß ich: Meine Tochter verwandelt sich mit dem richtigen Mittel im Handumdrehen in ein duftendes Einhorn aus Feenland, mein Sohn wird ausschließlich durch den Bübchen „Superkicker“ – Duft zum Spitzenstürmer, und meine Frau hat allerlei Haarproblematiken, die es ohne die erdachten Begriffe wahrscheinlich gar nicht gäbe.
Jetzt fiel uns bei irgendeiner Drogeriemarkt-Rabattaktion ein Pröbchen in die Hände, das schoss den Vogel ab. Für Männer. Inhaltsstoffe: Vulkanwasser. Aktivkohle. Hanf. Oud. Tabak. Ja, Ihr Lieben, da gehe ich jetzt jeden Morgen erst mal auf meinen Galapagos – Abenteuerspielplatz, trinke dort eimerweise mineralstoffhaltiges Vulkanwasser, grabe beinhart die Aktivkohle in großen Stücken aus der Lava, reiße anschließend dank dem Duftstoff-Hype „Oud“ reihenweise willige Miezen auf und ziehe mir hinterher Rauchware in den Schädel, dass es nur so kracht.
Ging es auch eine Nummer kleiner, liebe Werbeagentur? Mein Lieblingsshampoo von L´Oreal Men Expert ist orange und verspricht mir immerhin bloß einen „Aufwach-Kick“ mit Taurin. Seit ich mit dem Vulkanwasser dusche, schieße ich mir das allerdings längst intravenös.
Sagen wir die Wahrheit: Die meisten Selbstbildhengste, die sich mit so einem Zeug einreiben, sind blasse Schreibtischsklaven. Und die sehen unter der Dusche in etwa genauso trostlos aus wie eine schon lange links liegen gelassene Hausfrau, die vor einer Grundschule in einem SUV – Sitz ertrinkt. Aber immerhin hat sie sicher eine „Landlust“ zu Hause liegen, dann kann sie zumindest so tun, als lebe sie auf dem Land und kenne noch Lust.
Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich will duschen.

Wie das Leben so spielt

Gibt es noch: Fachkompetenz hinterm Schalter

Natürlich war ich genervt! Natürlich finde ich es furchtbar, in Schlangen an Schaltern und in Staus nicht Herr meiner eigenen Zeit zu sein. Natürlich waren die Typen vor mir wieder viel zu langsam und die Schnarchnasen von der Post machten ihre Arbeit nicht zügig genug. Ich wollte doch bloß drei Saurier in die Welt schicken, und jetzt stand ich vorm Postschalter in einer mehr als nur kobralangen Schlange und sah unbeholfenen Menschen mit doofen Fragen an herablassend – gelassene Angestellte zu.
Durchatmen, Schröder. Du weißt doch: Hier und Jetzt. Die Macht ist mit Dir.

Vor mir wartet die ganze Zeit eine junge Frau, kurzes Blumenkleid, burschikos, na sowas!

Plötzlich dreht sie sich herum, hält erst, was sie von hinten verspricht und mir dann die Nummernschilder unter die Nase und fragt mich unsicher, ob es für „so etwas“ hier wohl Lösungen gebe. Oh, jetzt ist schlagfertige Fachkompetenz gefragt. „Na, mit sowas müssen Sie wohl eher zum Straßenverkehrsamt“, gebe ich wissend zu verstehen, ziehe dabei lässig eine Augenbraue hoch und freue mich, dass endlich mal wieder jemand meine endlose Weisheit anzapft.
„Nein, nein“, schlägt sie die Augen auf, „ich meine, wie man sowas verpacken kann? Ob die dafür Pakete haben.“
„Hm, naja, das kann ich Ihnen jetzt auch nicht genau sagen“ – räusper – „aber die Herren dort haben sicher die geballte Fachkompetenz für solche Fragen.“

Ich stelle mir vorwegnehmend schadenfroh vor, wie die Ahnungslosen hinterm Schalter passen und die Sommerschönheit enttäuschen müssen. Mit gesenktem Blick würde sie an mir vorüber gehen, ihre Nummernschilder ohne Chance auf einen Versand. Traurig blickte ich ihr hinterher und ließe dann meinen Frust am Schaltermenschen aus. Wie konntest du sie nur so enttäuschen! Frankier endlich meine Saurier, du Idiot!

Jetzt ist sie an der Reihe und nestelt erneut die Nummernschilder heraus. „Tja“, meint der fleischige Schaltermensch zögernd, und ich jubiliere schon ein bisschen, „natürlich gibt es da etwas.“ Er schlängelt sich erstaunlich behände zum Papierwarenständer, holt eine eingeschweißte Verpackung mit A5 -Noppenpolsterversandtschen heraus, öffnet sie. Sein Blick wandert durch sein Revier, im 180 Grad-Winkel, ganz langsam, ohne Kopfbewegung. Nun schneidet er zwei der Versandtaschen an einer Seite auf, stülpt sie beidseitig über die zusammen gelegten Schilder, es passt exakt, er reißt Tesafilmstreifen ab, klebt alles auf das Gründlichste zusammen, rechnet getrennt die Papierwaren und das Porto ab und gibt mit einem breiten Grinsen das Wechselgeld heraus.

Die glückliche junge Frau weht an mir vorbei. Ich packe baff meine Saurierpäckchen auf den Tresen und sehe den glücklichsten Postangestellten an, dem ich jemals begegnet bin.
Seitdem glaube ich, gibt es für alle Fragen auf dieser Welt die passenden Kompetenzen. Gut, wenn man ihnen zur rechten Zeit begegnet.

Glaube und Spiritualität

Die Scherbenschale

20190716_075107.jpgAuf meinem Besprechungstisch im Büro steht immer eine kleine Schale voller stumpf geschliffener Scherben.
Ich habe sie an Nordsee, Ostsee, Biggesee und Hennesee gesammelt, und laufend kommen frische dazu.
Sitzt jemand neu an diesem Tisch, fällt sein fragender Blick oft auf diese Schale. Mancher gruschelt auch ziemlich schnell darin herum und nimmt sich vielleicht eine passende Scherbe heraus. Dann dreht und wendet er sie in der Hand, schaut durch sie hindurch ins Licht.
Dann freue ich mich, denn der Gesprächspartner hat den Sinn der Scherbenschale erkannt.
Manchmal gehe ich ein bisschen tiefer und erzähle, dass es am Meeresboden unserer Seele viele Scherben gibt, die von den starken Lebensgezeiten hin und her geschleudert werden. Es sind Reste von einst schönen, aber leer getrunkenen und achtlos ins Meer geworfenen Flaschen.
Ich sage auch, dass es wichtig ist, dass diese Scherben, damit sie uns nicht mehr weh tun, in der Tide von dicken, sanften und dennoch beharrlichen Steinen begleitet werden müssen. Ich schmeiße manchmal mit den Schülern ganz dicke, gute runde Brocken in ihr Meer, damit sich möglichst viele scharfe Scherben an ihnen glatt schleifen können. Vielleicht will ich auch selbst für die jungen Menschen so ein dicker Stein sein.
Dann wirbeln nach einer gewissen Zeit die Scherben zwar immer noch auf dem Meeresboden herum. Aber sie tun wenigstens nicht mehr weh.
Vielleicht ist es ja sogar irgendwann mal möglich, aus all den anfangs schmerzenden, Wunden reißenden Scherben ein schillerndes Mosaik zu kleben; ein Fenster wie in einer Kirche, durch das das Licht schillernd und selig hinein scheint. Oder es entsteht eine neue Flasche, die man heben und mit frischen Getränken füllen kann.

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Wir

Wir steh’n in kurzen Hosen
Auf dieser tollen Erde
Wir fressen die Prognosen
Auf dass es besser werde

Wir warten auf die Ewigkeit
Und warten auf den Zug
Wann ist das Kind für´s Rad bereit?
Wann werd´ ich endlich klug?

Wir sperren kluge Lebewesen
In große Ställe ein
Wir freu´n uns über neue Besen
Und sonntags sind wir fein

Wir ziehen lange Spuren
Am Himmel hinterher
Und kriegen wir mal neue Uhren
Freuen wir uns sehr

Wir schauen unsere Beete
Mit großem Stolz uns an
Wir schaffen uns mit noch mehr Knete
Familienkutschen an

Wir wuseln und wir mähen
Wir ernten und wir schrein
Wir pflücken und wir säen
Und fühl´n uns furchtbar klein

Wir beten und wir bangen
Wir hoffen und verzeihn
Wir hassen und verlangen
Wir tapen uns das Bein

Wir wuseln stundenlang
In großen Läden rum
Wir suchen neuen Klang
Wir fühl´n uns furchtbar dumm

Wir haben unsere Welten
Im Kopf schon konstruiert
Wir wollen ja was gelten
Wir haben ja studiert

Wir häufen unseren Schutt
In fremden Gärten an
Wir essen Fleisch und Butt
Und wollen einen Mann

Wir warten und verschicken
Wir lachen und erzieh´n
Wir darten und wir ficken
In Hamburg wie in Wien

Wir woll´n die Welt bezwingen
Macht sie Euch untertan
Wir kämpfen und wir ringen
Wir bau´n die Autobahn

Wir trinken und wir rauchen
Wir werten ab und auf
Wir schöpfen und verbrauchen
Wir ärgern uns zuhauf

Wir töten und wir strampeln
Wir täuschen oder klau´n
Wir husten und wir hampeln
Wir streicheln und verhau´n

Wir schreiben unsere Reime
Wir lieben und begraben
Bekämpfen unsere Keime
Und wollen noch mehr haben

In ein paar tausend Jahren
Ist all das hier vorbei
Wir haben uns bloß verfahren
Die Welt ist wieder frei

Und unsere Atome
Unser Seelenlaub
Der Hass und die und Pogrome
Zerfall´n zu Sternenstaub

Und alle Moleküle
Die so verzweifelt knarrten
Woll´n in der Weltallkühle
Auf neue Chancen warten