Zu viele Bücher im Haus? Kein Thema, nur her damit, guter Zweck inclusive!

Jetzt in der Urlaubszeit hat man mal wieder Zeit, Bestandsaufnahme in Wohnung und Keller zu machen. Vielleicht fällt Euch dabei ja auf, dass Ihr Euch mit Büchern zugeschmissen habt und jetzt nicht mehr wisst, wohin damit.

Da helfe ich, schon seit Jahren!

Meine Buchhaltestelle im Falker, Hausnummer 32 in Finnentrop-Ostentrop ist 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr geöffnet.

Stellt Eure Kisten einfach hinein! Ganze Anhängerladungen (lechz!) solltet Ihr vorher kurz ankündigen. Für größere Mengen komme ich auch gern zum Schleppen zu Euch nach Hause!

Einladung: Wenn Ihr schon mal da seid, um Eure Kartons vorbei zu bringen, schellt doch einfach kurz an, Kaffee und Smalltalk sind kostenlos, sollte ich zu Hause sein.

Gern könnt Ihr Euch in meiner Garage auch mit frischer Lektüre eindecken. Ich präsentiere stets eine kleine kostenlose Auswahl meiner Funde. Stehen dort Kartons, fühlt Euch frei, drin rumzuwühlen.

Ihr seid Eure Büchersorgen los, und ich kann mich an die Arbeit machen. Durch meine weitläufigen Kontakte, meine Netzwerke und mein Know How bekommen die Bücher das neue Leben, das den größten Nutzen für die Menschen bietet. Sie sind bei mir in guten Händen. Ich staffele dabei grob wie folgt:

1) Ich verteile regelmäßig Bücher auf die offenen Bücherschränke in Neu-Listernohl, Altenhundem, Herdringen und der Arnsberger Altstadt.

2) Bücher, die originell sind, aber keinen materiellen Wert mehr besitzen, stelle ich Kennern zur Verfügung. Ich gebe sie in Alfred Knebels Antiquariat „Studio A“ in Attendorn oder in Georg Lehnerts Laden „Leserille“ in Sundern-Allendorf ab.

3) Bücher, die noch wertvoll sind, also alle über zwei Euro pro Stück, verkaufe ich über momox im Internet und lasse die anfallenden Erlöse dem Förderverein der Katholischen Grundschule Schönholthausen zukommen. Ihr bekommt eine Spendenquittung, sobald ich den Gesamtbetrag ermittelt habe.

4) Bücher, die mir selbst gefallen, nehme ich mir als Lohn meiner Mühen auch gern mit in meine Privatbibliothek. Liebe Deinen Nächsten. Und Dich selbst.

5) Bei Büchern an ihrem Lebensende, traut ruhig meinem Urteil, entferne ich den Umschlag und schmeiße sie als Rohstoff für neues Papier in den Conatiner des Sportvereins in der Koltermecke. So verdient der RWO auch noch ein paar Cent an dem tausendsten Simmel, der zweitausendsten Uta Danella oder dem millionsten Konsalik. Gern geschehen!

6) Ein Sonderfall sind Zeitschriften. Hier frage ich im kinder- jugend- und kulturhaus Finnentrop bzw. im Seniorenzentrum Finnentrop an und an Schulen, welche sie noch gebrauchen können. Zur Unterhaltung oder zum Basteln.

Also: Bei Bücherfragen immer Eiten fragen!

Ich will Euch, sorry, Ihnen doch gar nichts… PLUS: Der Kafka der Woche und ein süßes Dackelbild

Neulich hatten eine Grundschullehrerin und ihre Nachfolgerin in der Leitung der Klasse eine Mutter antanzen lassen, die ich sozialpädagogisch begleite. Die Mutter konnte aber nicht zum gewünschten Termin erscheinen, weil sie nachmittags arbeitet. Sie übernimmt als Reinigungskraft Verantwortung für ihren siebenköpfigen Haushalt und wischt unter anderem von ignoranten Krawattenkapitalisten vollgepisste Klobrillen. Manchmal kellnert sie am Wochenende in einer Bar.

Nichts will sie lieber als weg vom Hartz IV – Aufstockerinnendasein. Sie schenkt sich nichts und anderen dann vielleicht manchmal zu wenig. Manchmal hat sie alles, was sie geben kann, in ihrem Job gegeben. Vor und nach der Arbeit muss sie selbstredend noch zu Hause arbeiten.
Zwischen zwei vollpubertierenden Töchtern, zwei Kleinkindern, einem Partner, der nicht der Vater ihrer ersten vier Kinder ist und einem Jungen im Grundschulalter hat sie einiges zu tun, ihren Job nicht zu vergessen.
Natürlich vergisst sie dann manchmal, den gewünschten Hefter für ihren Sohn zu beschaffen, auch ein niegelnagelneues Buntstiftset kann das Kind nicht immer vorweisen. Und immer die ärgerlichen Geldbeträge, die die Schule für jede Kleinigkeit nimmt. Kopiergeld hier, Kakaogeld dort, dann muss noch ein Extrabuch her und so weiter. Dafür kann sie nichts. Der Staat weigert sich nun mal standhaft, die komplette Schulausstattung eines Kindes vom ersten bis zum letzten Schuljahr zu übernehmen, lieber baut er mit Frankreich jetzt ein neues teures Kriegsflugzeug und später für die Kinder, die er heute so gnadenlos hängen lässt, höhere Gefängnismauern. Aber wer weiß, vielleicht kaufen sich die Eltern vom fürs Kind gesparten Geld ja wieder nur Bier, Schnaps, Zigaretten und schnelleres Internet. Mehr kann dieses Gesocks ja nicht. So ist die Mehrheitsmeinung. Immer noch. Leider.

Ich war also im Auftrag der Mutter hin, saß da auf einem Kinderstuhl an einem Kindertisch, an sich schon ziemlich demütigend, und hörte mir erstmal die übliche Litanei an.

Es saßen da also quasi drei Kinder, die in den achtziger und neunziger Jahren in Mittelschichtsfamilien in einer klareren Weltlage aufgewachsen sind und es dank hart arbeitender Eltern bis zum Studium mit Abschluss geschafft haben und redeten über Deutschlands Zukunft in Gestalt eines verhaltensoriginellen Jungen und ihrem Umgang mit diesen Originalitäten.

Der Unterschied zwischen mir und den Damen war: Mir fiele es im Traum nicht ein, wegen meines Diploms auf andere herabzublicken. Eben diesen Eindruck aber machten mir die beiden Endzwanziger-Gtundschullehrerinnen. Ein bisschen mehr Demut und Verständnis hätten dem Gespräch vielleicht gut getan. Wie zu erwarten entwickelte dieses sich zunächst in die Richtung, die hart kämpfende Eltern so oft beschämt. „Sie sind nicht gut genug“ haben die aber schon ihr ganzes Leben lang gehört, das wollen sie von gut situierten Damen nicht nochmal hören. Warum wohl gehen kaum noch Unterschichtsfamilien auf Elternsprechtage? Weil sie den Duktus des Schlachtschiffes Schule leid sind. Und weil Schule sich letztlich nur noch aus sich selbst heraus legitimiert und konstruiert. Da ist kein Platz für das echte Leben.

Ist es nicht endlich mal an der Zeit, vom Klagen und Zuschreiben und den ewigen mittelschichtstypischen Statusvergleichen ins fallbezogene, konkrete, kleinschrittige Handeln zu kommen? Und zwar auf Augenhöhe, verdammt nochmal?? Eltern und Lehrer und von mir aus gern noch wir von der Kinder- und Jugendhilfe als Partner für das Kind? Und nicht im Wettbewerb darum, wer denn nun die angepasstesten Wirtschaftshuren erziehen kann?

Wollen wir weiterhin verkrustetes Schichtdenken fördern und Ungleichheiten stets neu konstruieren? Ich hätte ja auch sagen können, und damit habe ich es jetzt ja gesagt, hahaha wie lustig, weil ich manchmal noch echt wütend werde darüber: „Okay, Ihr sagt, die gute Frau kriegt es nicht auf die Kette und nehmt ein vergessenes Pausenbrot oder einen verknickten Ordner als Zeichen für Verantwortungslosigkeit? Toll, dann schnallt Euch doch ab morgen wieder Eure dusseligen Fjall Räven Rucksäcke auf, fahrt mit Eurem Gatten aus der Autozuliefererindustrie, nach Dänemark, macht dort ein Kind und fallt entsprechend nach ein, zwei Schuljahren als konstante Bezugsgröße für die Kids, die doch konstante Größen brauchen, wieder weg, jetzt, da Ihr als lebenslange Beamtinnen Eure **** im Trocken****,Ihr arroganten, igno ***Tante******* “

Aber erstens bin ich ein anständiger Mann, der sich stets im Griff hat, zweitens habe ich drittens vergessen und viertens sind die Kinder, um die es geht, viel zu wertvoll, um seinen eigenen Status über den vermuteten des Gegenübers zu konstruieren.

Ich will Euch, sorry, Ihnen, doch gar nichts. Alleine dieses ekelige Ich und Ihr. Gemeinsame Partner für das Kind, ginge das, liebe aktuelle und zukünftige Lehrerinnen und Lehrer? Kriegen wir das hin?

Die wahren Feinde, gegen die wir uns im Endeffekt verbünden müssten, sitzen in der Politik. Palpatine hat auch erst die Republik und die Separatisten gegeneinander ausgespielt. Danach hatte er freie Bahn für sein GALAKTISCHES IMPERIUM. Jetzt werden gesellschaftliche Schichten und die politische Lager gegeneinander aufgehetzt, gern in und mit dem Abschaum von der BILD, und immer, wirklich sowas von immer, gewinnt dabei die CDU mit Thomas De Maiziere. Dass wir andauernd schwarz wählen in dieser Republik, ist für mich mittlerweile nur mit dem Stockholm – Syndrom zu erklären.

Und, hey, es heißt Kapitalismus, letzten Endes sitzt der Feind also da, wo das Geld verteilt wird. Aber Ihr wisst schon, Geld, naja, neue Kampfjets, gegen den IS und so. Unser Land ist halt bedroht! Aber sowas von!

Die Wahrheit ist, es ist mindestens so bedroht durch bildungspolitische Fehlplanungen wie durch irgendwelche Irren mit „Mein Kampf“ oder dem Koran unterm Arm. Denn vielleicht hätten diese Irren dann diesen Büchern selbstbewusster und kritischer gegenüber treten können, anstatt alles darin wörtlich zu nehmen. Bildung soll nämlich helfen.

War meint Ihr, Ihr ekelerregenden Krawattenkapitalisten, wenn ich Euch weniger beschimpfe und Ihr es mal wieder mit Menschlichkeit versucht, kriegen sogar wir das hin? Lebenswerte Zukunft und so? Hmm?! Naa?!

Weil´s gerade so gut passt, an dieser Stelle als Zugabe noch der KAFKA DER WOCHE:

„Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.“

Balkonabend in 887 Worten

Ich sitze, wie so gern abends im Sommer, vorn auf meinem kleinen Balkon. Mindestens mal, bis die Dämmerung kommt, vielleicht auch länger. Hängt auch davon ab, wie schnell dieser Text fertig wird. Eigentlich wollte ich ja immer donnerstags veröffentlichen. Wie der großartige Martenstein. Hatte schon wieder geträumt von einer großen, auf den Donnerstag konditionierten Stammleserschaft und einem echten Standing als Schreiber. Ich sage ja noch nicht mal Schriftsteller. Die gelten hier im handfesten Sauerland wahrscheinlich eh als faules Lumpenpack. Manchmal kommt eben das wahre Leben dazwischen, dann verschiebe ich die Eitens Welt halt oder sie fällt ganz aus. Schreiben ist übrigens auch immer Temperatursache. Und deshalb ist es nun eben an einem Montag passiert.
Ich sehe hastige Schwalben durch die Abendschwüle schneiden, höre das Plätschern des kleinen Wasserspiels in der Nachbarschaft, das mich so schön beruhigt. Ich rieche den Rest der Abgase. Zornig suchen sich Rußpartikel ihren dauerhaften Platz an den Fassaden, aber das sehe ich natürlich nicht. Das mutmaße ich. Und es klingt so schön poetisch. Zornig und Rußpartikel, mein lieber Mann! Hat das je einer vor mir gedacht?
Das mit den vollgerußten Fassaden ist übrigens hier im Falker auch nicht so schlimm wie zum Beispiel in Sieperting, wo ich am Freitag auf dem Nachhauseweg eine Endsechzigerin trotzig eine Fensterbank wischen sah.
Mein Blick schweift nach gegenüber. Auf dem schmalen Sattel rund um den Teufelskopf grasen Bergweiderinder ihrem sicheren Ende als Steak entgegen. Hinter dieser Erhebung schließlich stehen die Tannenwipfel des Mondscheins, des Höhenzuges, der das Frettertal vom Lennetal trennt. Im Himmel, der heute nicht so blau ist, wie ich ihn mir wünsche, quellen grauschwarze Wolken in die Höhe, tranig, wie dunkler Honig, der nach oben fließt.
Mein Hintern ist eingeschlafen, manchmal gelingt ihm das vor mir. Schließlich sitze ich ja auch schon ein bisschen hier. Wenn mein Blick nicht gerade über Nachbar- und Landschaft schweift, eilt er über ein Buch. Heute lese ich in zwei Büchern: Erstens „Kämpfen“ von Knausgard. Trotz seiner verschwurbelten Essays mag ich den Autor und seine Art des Erzählens sehr. Bald habe ich über 4000 Seiten von ihm gelesen, weiß der Geier, warum. Obwohl, warum den Geier fragen, wenn ich es selbst weiß? Nur würde die Erklärung zu lang. Und wahrscheinlich genauso schwer zugänglich wie Knausgards aktuelles Kapitel.
Gestern fiel mir am Stand des Tierheims Münster ein Buch namens „Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen“ einer gewissen Kirsten Boie in die Hand. Zwei Kurzgeschichten über Kindheiten in Afrika habe ich bisher überstanden, beide als vor Rotz triefender Lappen, der sich seines Eigenheims mit viel Hackfleisch und Plastik darin plötzlich schämt. Nein, besser: Der sich dafür schämt, für dieses Eigenheim und das ganze wuselnde Leben darin nicht dankbarer zu sein. Der sich statt dessen Gedanken darüber macht, wie er den Servierwagen-Fehlkauf seiner Arbeitsstelle am besten wieder gut macht -das Drecksteil verstellt ständig den Weg! Dem es unheimlich wichtig ist, dass der Regisseur Star Wars Episode VIII nicht vergeigt. Der darauf hofft, dass die von den Mafiakonzernen Gazprom und Tönnies gesponserten Schalker 2018 mindestens mal vierter werden. Lächerlich im Vergleich zu einem Blähbauch in Somalia. Abartig und lächerlich.
Ich kippe mir noch etwas Pepsi light ein. Ich komme mir toll dabei vor, Pepsi light in ein Coca Cola – Glas zu schütten. Das hatte ich, gemeinsam mit einer Flasche Fanta und einer Flasche Wodka neulich beim Spaziergang zum Oberbecken gefunden, hinter dem Automaten, an denen ehrgeizige Fahrradfahrer die Zeit messen können, die sie das Glingetal hoch benötigt haben. Pepsi im Coca Cola Glas. Hui! Denen habe ich es aber gezeigt, diesen Scheiß Imperialisten. Bald packe ich einen Hamburger Royal TS mitten bei Burger King aus, woraufhin ich mich entkleiden und wild wichsend durchs Lokall rennen werde. Dabei schreie ich „Ich bin der schwarze Block!“ und lasse alle guten Manieren hinter mir. Vielleicht esse ich auch einfach meine Burger und halte die Schnauze.
Am Geländerschilf, der aus dem Discounter kommt, hundertprozentig von chinesischen Kindern geflochten wurde und mich optisch und psychisch vom Rest des Falkers trennt, knuspern unentwegt Wespen. Sie fressen die Zellulose nicht, sie verdauen sie und speien sie als Baumaterial für ihre Nester wieder aus.
Gestern habe ich im Winkel meines Minigartens endlich ihre Einflugschneise entdeckt, als ich auf dem in der Dortmunder Innenstadt gefundenen roten Gitterstuhl saß und zwei Stücke Kuchen frühstückte. Die waren vom Kuchenverkauf übrig geblieben, Katrin hatte sich wieder mal ehrenamtlich engagiert, diesmal für den Leichtathletikverein der Kids. Junioren-Kreismeisterschaften. Ständig stehen wir auf solchen Listen. Aufbauen, abbauen, grillen, texten, Kinder kutschieren, nicht nur die eigenen. Mittelschicht eben.
Es ist jetzt doch straßenlampenhell über diesen Text geworden. Und vermutlich auch kälter. Das weiß ich aber erst, wenn ich gleich in die Wohnung gehe. Der Hummer denkt ja auch die ersten paar Sekunden lang, er sei endlich in einem Luxuswhirlpool gelandet, dem Ziel seiner Träume.
Jetzt noch kurz einen Gedanken an G 20 verschwendet. Er heißt „Wundert mich alles nicht. Hätte man nicht nur ahnen, sondern wissen müssen. Glasbaustein-Thomas und seine fröhlich vor sich hin vegetierenden regierenden Christdemokraten brauchen halt neue mehrheitsfähige Feindbilder. Jetzt, wo sich die beschissene AfD dazu kaum noch eignet, weil sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist (belauscht mal spaßeshalber einen Junggesellenabschied in Willingen) wird mal flott links angestachelt.“ Ja ich weiß, Sandkastenkacke, der hat aber angefangen und so. Und bislang war der Text doch auch so schön zu lesen.
Also Schluss damit. Und ab ins Bett!

Beruhigen Sie bitte das Kind!

Dies wird eine rentnerfeindliche Eitens Welt. Aus Rache, weil viele alte Menschen offenbar immer kinderfeindlicher werden. Jedenfalls wundert es mich gerade nicht, dass jede Frau in Deutschland mittlerweile nur noch 1,39 Kinder bekommen will.
Doch urteilt selbst. Und gebt mir wie immer gerne Rückmeldung.
Ich war mit Freunden und Familie essen. In Grömitz an der Ostsee, in einem schönen Restaurant in der Fußgängerzone. Wir waren nicht angemeldet und hatten Glück, mit elf Mann überhaupt noch Plätze zu bekommen, allerdings leider auf zwei Tische verteilt; scheinbar ist es ein beliebtes Restaurant.
Die Freunde setzten sich also mit ihren zwei Mädchen an einen anderen Tisch. Die kleinere der zwei Töchter nörgelte ein bisschen rum, ich hörte es aus der Entfernung. Währenddessen wurden meine Familie und ich äußerst freundlich von einer jungen Dame bedient. Die Nörgelei der kleinen Tochter der Freunde, zweieinhalb Jahre alt, steigerte sich zu größerem Geschrei, als die Mama mal mit der größeren Tochter für kleine Königstiger musste. Kein Kind verzichtet in dem Alter gerne auf seine Mutter, zumal in fremder Umgebung und auch weil den Kindern ein „Mama kommt bald wieder“ überhaupt nichts nützt. Sie kennen ja als kleine an einer unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung interessierte Scheißer überhaupt keine Zeitspannen in Relation zu irgendwas. Erlebte Zeit und reale Zeit sind eins.
Mein Freund tat mir leid. Die Tochter schrie wie am Spieß, er versuchte es so rum und so rum. Ich weiß, wie peinlich es für einen Vater ist, wenn ein Kind im Restaurant nicht still sitzt. Und nach Mama ruft. Und schließlich losbölkt, dass sich die Balken biegen.
Rundrum verfinsterten sich die Mienen. Pseudoempörung. Nein, also wirklich, wir haben eigentlich ja Anspruch auf Urlaub ohne so brüllende Scheißkinder. Hach, Klaus-Rüdiger, und die Eltern haben das Kind ja auch überhaupt nicht im Griff. Man sah es in ihren Augen, die unentwegt rollten. Rentnerehepaare aus lockengewickelten, beigen Omas und tennisbesockten Übergangsjackenopas, ein, zwei Pärchen der Marke „nach vor die Wand gefahrener Langzeitbeziehung mit Mitte 50 nochmal glücklich liiert und jetzt nochmal mit nem dicken Ständer in der Buchse einen auf Händchenhalten machen“. Pseudojunge und Pseudoalte, alle am Trog.
Alle genervt. Feine Gesellschaft offenbar. Selbst nie Kinder gewesen. Und wenn, dann wohl als brave, angepasste Zombies.
Die freundliche Bedienung bediente uns derweil lächelnd weiter, tischte auf und ab, lächelte authentisch, ich fühlte mich gut aufgehoben.
Nach dem Essen sprach ich mit meinen Freunden, hach, was war los mit der Kurzen, so in diesem Stil halt. Ist ja immer blöd, aber immerhin war die Bedienung doch superfreundlich.
„Superfreundlich?“ Mein Freund lächelte zornig irritiert. Erstens, weil so ein Restaurantbesuch mit schreiendem Kind sowieso schon die Hölle ist, die er noch in den Knochen hatte. Zweitens, weil meine feine Bedienung wohl doch nicht so verständnisvoll war. „Nach nicht mal einer Minute wurden wir diskret darauf hingewiesen, wir mögen bitte das Kind beruhigen. Und einen Lolli haben sie auch nicht gekriegt.“
Das stimmte mich nachdenklich. In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich, dass man als Eltern Angst haben muss, mit Kindern ins Restaurant zu gehen. In der Kinder beruhigt werden müssen, damit diverse Herrschaften ihre anfaulenden Kadaver kurz vor der Urne nochmal in Ruhe vollstopfen wollen und dabei sogar die Bedienungen auf ihrer Seite haben? Dass Väter und Mütter unter Dauerstress gesetzt werden, weil es offenbar nur noch ums stille Funktionieren des Nachwuchses gehen soll? Und eben dieser Dauerstress sich dann als selbsterfüllende Prophezeiung, naja, halt eben selbst erfüllt?
Meine bis dahin so authentisch- freundliche Kellnerin war jetzt keine mehr. Dass man uns im Urlaub Illusionen verkauft, geschenkt. Dass die Dame nur wegen des Geldes lächelt, geschenkt. Und dass sie nur ihrem Boss gehorcht hat, der seinen Laden „sauber“ halten wollte, auch klar. Aber dann soll er ehrlicherweise ein Schild aufstellen: „Nur brave Kinder erlaubt (kleingedruckt darunter: von den Eltern der anderen nehme ich zwar das Geld gerne auch, aber die dürfen keine offenen Arme erwarten)“
Und dass die ihre (ja, natürlich wohlverdiente) Rente verjubelnden Mitessenden scheinbar eine so große Macht hatten, empört mich doch sehr.
Zur Strafe sollte man sie erst kopfüber ins Smaland treten und dann einen Tag lang darin einsperren. Mit Kindern, denen man ihr Ritalin heute einfach mal, hm, naja, vorenthalten hat.

Herrgottswinkel einmal anders


Dass mir die Worte fehlen, passiert nicht oft. Aber heute möchte ich lieber zu wenig schreiben als zu viel. Vielleicht nur, dass dem kleinen, arm- und fußlosen Christuskorpus, den ich an einem schmuddeligen Novembertag im ausgetrockneten Bett des Hennesees gefunden hatte, durch meine liebe Freundin Heike ein wundervolles neues Leben geschenkt wurde.
Ende des Textbeitrages. Schaut selbst, was Ihr mit den Bildern anfangt. Oder kommt mich gern besuchen, um Euch das Kreuz selbst anzusehen! In 3D, als Teil des Raumes, ist es noch viel, viel schöner.

Datendiät im Waldwiesental

Vor einigen Wochen hatte ich die großartige Aufgabe, als Lehrbeauftragter Studierenden Strukturen und Vorteile teilstationärer Jugendhilfe nahe zu bringen. Ich hatte so etwas niemals zuvor gemacht; es galt, zehn Lerneinheiten methodisch – didaktisch mit Leben zu füllen. Nach Feierabend auf der Arbeit ging das nicht. Und auch nicht nach Feierabend zu Hause. Dort grinsten mich am Schreibtisch alle möglichen unerledigten Dinge hämisch an. All die dusselige Abheftware, die einem mit voller Absicht das Dasein erschwert.
Also hatte ich mich entschieden für eine ungewöhnliche Vorbereitung. Der Plan: Waldhütte, eine Flasche Apfelschorle, Fachbücher, leere Seiten, Kugelschreiber, gutes Frühstück im Bauch und fünf Stunden Zeit. Um acht Uhr schloss ich die Tür der Hütte am Rande eines Wiesentals zwischen Serkenrode und Fretter auf; mein Atem dampfte. Ich machte also Feuer im Ofen und setzte mich an den Tisch. Manuskript heißt „von Hand geschrieben.“ Einen Gedankengang von vorn bis hinten ausführen. Informationen aufbereiten. Informationen integrieren. Daten integrieren. Puzzlen. Schmierblätter. Skizzen. Kennenlernspiele? Aufstellungsspiele? Namensschilder? Hm. Eine Prise systemische Denkweise dazu. Holz im Ofen nachlegen. Zwischendurch mal pinkeln. Die Apfelschorle eben.
Ich schrieb so vor mich hin und hatte dabei null Ahnung, was mich in drei Wochen an der Hochschule erwarten würde. Stockte mal ein Gedanke, kam ich nicht weiter, ging ich ein Viertelstündchen raus und starrte in den Teich, auf dessem Grund sich zwei offenbar schon lange ansässige Goldfische mal wieder nichts zu sagen hatten. Vor dem Fenster manchmal ein,zwei, drei Rehe.
Nach einiger Zeit hatte ich glasklar vor Augen, was ich den Studierenden präsentieren würde. Zwar noch nicht ganz wie, aber immerhin was. Kein Gläsergeklimper aus dem Erdgeschoss. Kein fiependes, blinkendes, tutendes Smartphone, das mich lüstern anblickte und „nimm mich!“ schrie.
Tat das gut!
Das war eine tolle Erfahrung für mich. Ich hatte mich mal wieder gefunden. In Einheit mit dem, was ich tat, nicht auf Distanz. Am Horizont, glaube ich, lächelte mir Csíkszentmihályi zu, mittlerweile 82 Jahre alt. Streckte seinen Arm aus, klopfte auf meine Schulter und neigte mir seinen graubärtigen Kopf zu. Waldhüttenflow und tüchtig was geschafft. Ablenkungsfrei!
Zurück zu Hause leichte Trauer. Wozu ich imstande wäre, würde nicht andauernd was von mir erwartet. Würde ich nicht glauben, andauernd würde etwas von mir erwartet. So ist es vielleicht besser.
Ja, liebe Christen, ich weiß, Gott sagt, du bist schon gut, so wie du bist. Schauet die Lilien und so. Aber mal ehrlich, hm? Ist das echt so einfach?
John Naish weiß, dass nach jeder kleinen Ablenkung aus einer Konzentrationsphase vier Minuten nötig sind, um zurückzukehren in den Fluss. Inclusive der Lesezeit für diesen Text habe ich Euch bislang also schon zehn Lebensminuten gestohlen. Es tut mir leid, aber meine ewige Sehnsucht nach Resonanz, Ihr wisst schon. Und Ihr wisst auch, dass mein Hirnstoffwechsel manchmal ein Rad ab hat und der Ersatzreifen oft platt ist.
Ist meine Rastlosigkeit, sind meine siebentausend Baustellen Ursache oder Symptom für alles Verzetteln, für den kleinen Zyniker in mir, für den Analytiker, den Distanzierten, den Melancholiker?
Ich kann es nicht sagen. Ich weiß nur: Ich will wieder mal in den Wald. Verdammt nochmal, Thoreau hatte recht!