Fahrradprüfung

Unterwegs zur Arbeit, kurz hinterm Ortseingang Eslohe von Fretter aus kommend. Zwischen der Einfahrt zum Esselbad und dem Kreisverkehr. Fahrradprüfung. Kaltgefrorene Mütter, Marke „Claudia, mach du mal“ oder „Frag doch mal Dolle-Thiekötters Jutta, die hat für sowas auch immer Zeit“, versuchen würdevoll, ihren Kindern in müllsackartigen Warnwesten Leuchttürme der Sicherheit und der Ordnung zu sein.

Die Kids, jedes mit einer Nummer auf dem Rücken, strampeln forsch und wacker gegen das Elend der Welt an. Trotzen ihr ein kleines bisschen Stolz auf sich selbst ab. Eine Prise Hoffnung in einer vermerkelten Zeit. Vertrumpte Hacke.

Hier ist das Sauerland, hier ist noch Kindheit, hier ist noch Struktur. Hier wächst man korrektgesund auf. Hier hat man alles, was man zur anständigen, marktgerechten Entwicklung braucht. Der Trend geht längst zum Zweitbobbycar.

Ein kleines Tränchen drückt sich rechts unten aus dem Augenwinkel, halb aus Sehnsucht nach der übersichtlichen Welt, die hinter dem Kreisverkehr endet, halb aus Trauer, dass auf die da Trampelnden keine gute Welt mehr wartet. Wir leben in den 30, 40 Jahren, in denen für „den Westen“ alles noch halbwegs laufen wird. Noch gibt es in China und Afrika ausgelagerte Arbeitssklaven galore. Mit den Rohstoffen wird es etwas eng, aber komm, so 30, 40 Jahre gehen noch, wie gesagt.

Wir dürfen weiterhin selbstgerecht und stolz unsere perversen SUVs durch die Gegend gondeln, flott mal eben mit dicken Flugmaschinen in den Urlaub abheben und uns beim Grillabend auf der frischgepflasterten Sonnenterrasse des Enddreißigerlebens stammbäumeweise die Mastschweine in unsere Mägen ballern.

Die Mär vom Wachstum, das Wohlstand schafft, schlucken wir stoisch und fromm. Oder ist das schon Resignation, weil unser Unterbewusstsein längst die Zeichen am Horizont erkannt hat?
Wie die polnische Hafermastgans, deren Bauer sie schroff am Hals packt, den Stutzen einrammt und die sich sagt „naja komm, wenigstens muss ich nicht hungern.“

Eigenartig: Für ein Moorbeet für Fleisch fressende Pflanzen, das ich nachher in der Gruppe mit zwei Kindern anlegen will, werde ich in den Baumarkt fahren und Hochmoortorf (!) kaufen. Jaja, ich weiß. Aber um den Kindern faszinierende Tricks der Evolution nahe zu bringen und sie den Spaten, die Kraft und den Wert ihrer Hände Arbeit spüren zu lassen, werden halt 150 Liter Floratorf gekauft.

Die zukünftigen Generationen, deren Anfänge da in den Sätteln sitzen, werden mehr als nur eine Fahrradprüfung brauchen, um das Ruder vielleicht noch rumzureißen. Wir plündern weiter wie bekloppt, nicken und grinsen, sind glücklich für den Moment. Spätestens die Enkel der jungen Radler werden tief in die Röhre schauen.

Ich fahre weiter zur Arbeit.

Torf kaufen, Loch graben, Folie auslegen, Torf reinkippen, Sarracenien einpflanzen, kalkfrei gießen und hoffen, dass die Saat des Nachmittags in einem der Kinder aufgeht. Vielleicht helfe ich als professioneller Entwicklungsbegleiter ja gerade dem ersten Menschen auf dem Mars, eben dieser zu werden? Da muss er dann auch wissen, wie man pflanzt.

Müllwerker

Mein Traumberuf als Junge war Müllmann. An Müllwagenmorgen stand ich früh auf und sah den orangenen Brummi falkerabwärts die schwarzen Tonnen leeren. Ein wackerer Geselle stand hinten auf dem Tritt und zog geduldig wie ein Engel die schwarzen Tonnen ans Gefährt, betätigte einen mysteriösen Hebel und führte so die Tonne zur mobilen Presse. Dann gab er ihr fast lässig einen abschließenden Schubser Richtung Bürgersteig und hüpfte noch etwas lässiger zurück auf seinen Tritt. Als mein Opa zum Ende seines Lebens hin in einem Rollstuhl saß, waren dessen Fußstützen, sehr zum Verdruss des Opas, die Müllmännertritte, und ich weiß noch, wie ärgerlich es fand, dass Opa nie losfuhr, wenn ich ihn darum bat. Es gab einen Müllwagen von Playmobil zu Weihnachten, das Größte; kleine rote Tonnen stellte ich fortan an festgelegten Orten in der Wohnung (1. Bein vom Wasserkasten aus kommend links an Mutters Bügeltisch, unterm Lichtschalter neben der grasgrünen Wandgarderobe etc.) auf, immer irgendeine Kleinigkeit (Fluse, Murmel, Tannennadeln) darin versteckend, die schließlich im gelben Wägelchen verschwand. Wöchentlich der große Müllwagen, fast täglich der kleine gelbe. Es gab mir Struktur, es gab mir Sicherheit. Und ich sah, dass auch die hinterletzte Scheiße schließlich irgendwann einmal im Heck eines Müllwagens landet.
Heute ist das anders. Heute sehe ich meinen Sohn auf dem Fußboden wuseln, er hantiert allerdings eher mit landwirtschaftlichem Gerät im Kleinformat, ordnet Traktoren der Größe nach, hängt mal dieses, mal jenes hinten dran, eine Egge, einen Pflug, alles, was Christkind oder Großeltern so gebracht haben im Laufe der Geburtstage und Weihnachtsfeste. Fängt nun an, kleine Dialoge selbst zu stricken, spielbegleitende Verbalisierungen, er trainiert Sprache ohne Ende, spielerisch und ohne den Drill einer erörterungsgeilen Deutschlehrermafia.
Und mir schlottern die Knie, weil ich zur Arbeit muss oder von der Arbeit komme, keine Garantie, ob abends die Welt noch dieselbe ist, in die ich morgens hinausgefahren war. Ich spüre das körperlich, trommle mit Fingern aufs Lenkrad und mit Kulis auf Tassen, flüchte mich in Rammsteinriffs und muckele mich in Decken ein, niftele andauernd an der Unterlippe rum. Seufze, grüble, drehe und wende. Und wenn ich nicht rechtzeitig jetzt mal beispielsweise an Synapse 171212 passend abbiege, ist auch schon mal der Tag frühzeitig oder nachträglich im Arsch.
Als Sozialpädagoge weißt du letztlich nie, was der Tag bringt, und abends nicht so oft wie du es brauchst, was er gebracht hat. Denn du steckst mittendrin im aberwitzigen Weltenlauf, liest das Schwemmgut des die Bedürfnisse des Menschen verachtenden Schulsystems und der ungehemmten Form des Kapitalismus auf und sollst es repariert und bereit zur wirtschaftskompatiblen Weiterverarbeitung zurückgeben.
Die Garantie für immer gleiche Routen haben offenbar heutzutage nur noch Postboten und halt eben Müllmänner, die man ja heute Müllwerker nennt. Andererseits wirken selbst die heute, wenn ich mal dazu komme, einen zu beobachten, auch nicht mehr so in sich ruhend und lässig wie früher. Sie schauen sich misstrauisch um. Auch sie spüren, auf einer scheinbaren Behaglichkeit ihres kleinen Tritts, wie der Wind sich dreht.

Ihr glaubt ja gar nicht,

wie genial es sich anfühlt, hier erst eine Dreiviertelstunde lang 717 Worte über die vergangenen sechs Wochen zu schreiben und dann den gesamten Text absichtlich mit einem Wisch unveröffentlicht und unwiederbringlich zu löschen. Ich glaube, so etwas mache ich ab jetzt öfter.
Ernsthaft, das war großartig!
Bis bald.

Werte Leserin, werter Leser,

als Stammleser/in kennst Du mein Ritual um diese Jahreszeit. Ich faste das Bloggen. Kämm Dich durchs über 400 Artikel umfassende Archiv, wenn Du Lust hast auf Eitens Welt. Frisches Schriftgut von mir gibt´s im vor Ostern erscheinenden WOLL-Nachfolgemagazin „Heimatliebe“, ich war wieder schwer unterwegs in Sachen „neues Leben in alten Häusern“, „Fitness-Selbstversuch mit Teresa Metten“ und habe auch noch ein paar Überraschungen im Ärmel. An dieser Stelle lesen wir uns wieder an Ostern oder kurz danach!

Für neu dazugekommene erkläre ich es kurz einmal: Ich finde das Fasten absolut zeitgemäß. Die größte Lebensgefahr für uns stellen Zucker, Alkohol und der Dauerstrom an unnützer Information dar. Wir bekommen pro Tag so viel Input um die Ohren gehauen, dass uns ganz schwindlig wird. Ich selbst bin auf zwei Weisen Input-Produzent: Als jemand, der lustige Sprüche und Hunde-, Bier- oder Trumpvideos über WhatsApp weiterleitet. 95% davon sind verzichtbar. Und zweitens als jemand, der seine wöchentliche Kolumne broadcastet, weil er meint, der Stoff sei lesenswert. Nur überall und andauernd buhlt man um unsere Aufmerksamkeit, manchmal komme ich mit meinem Daumen nicht mehr vom Smartphone weg. Es werden Aufmerksamkeitsstückchen aus mir rausgerissen, weil ich jederzeit und überall virtuell sende und empfange.

Fasten heißt Freiheit. Ich befreie mich, zumindest sechs Wochen lang vom Zwang, alles Mögliche und Unmögliche in die Welt zu schrei(b)en und Euch damit Eure wertvolle Zeit zu stehlen. Und ich befreie mich von den damit verbundenen Dopaminschüben beim Anschauen meiner Klickzahlen.

Bis bald!

Der mobile Fotodienst an der B 55

Mindestens vier Mal im Jahr, meistens wesentlich häufiger, lasse ich vor oder nach der Arbeit ein Foto von mir erstellen. Dazu muss ich noch nicht einmal mein Auto verlassen. An der B 55 gibt es zwischen Eslohe und Meschede eine ganze Reihe überraschender mobiler Fotostudios. Ich mag diesen Überraschungseffekt, weil er natürlichere Ergebnisse produziert.

Dieser Service ist sehr nützlich und kostet mich nur zehn bis fünfzehn Euro das Bild. Das Geld hilft dem Gemeinwohl im Hochsauerlandkreis. Das kann Geld gut gebrauchen. Vielleicht auch mehr Gemeinwohl.

Die Fotografen sind manchmal nicht eifrig genug dabei. Sie sitzen ihre Hintern platt, starren ihre Thermoskannen an oder fummeln lustlos am Equipment rum. Aber sie machen das ja auch nur nebenberuflich.

Hauptberuflich bekämpfen sie das Verbrechen und die Ungerechtigkeit. Aber weil es im seit der Steinzeit souverän von Christdemokraten regierten Hochsauerlandkreis so wenig von beidem gibt, haben sie hier viel Zeit für die Kunst der Fotografie. Das freut mich, aber ein anderes Gesicht könnten die Herren hinter der Kamera schon auch mal aufsetzen.

Wo ich gerade bei Gesichtern bin: Ich nutze den Fotoservice, um mir selbst den Spiegel vorzuhalten. Eine Miene, die man alleine auf dem Fahrersitz aufsetzt, ist unbestechlich natürlich.

Ich schaue mir das Bild an und frage mich: Fahre ich mit Lust zur Arbeit, kehre ich mit Lust nach Hause zurück? Oder sehe ich verkopft aus, bin an- oder abgespannt? Anschließend speise ich meine Antworten in meinen laufenden, postmodernen Selbstoptimierungsprozess ein.

Ich freue mich schon aufs nächste Shooting. Jede Fahrt ist spannungsreich, wo und wann macht es endlich wieder klick!? Vielleicht ja mal wieder in Reiste, da sehe ich irgendwie immer besonders dämlich aus.

Gänseblümchen

Vorsicht! Der folgende Text enthält gewohnt und bewusst linkslastiges Gedankengut. Bei Risiken und Nebenwirkungen sagen Sie Ihrem Arzt, er sei Apotheker.

Manchmal frage ich mich, wie gut oder schlecht ich in meinem Beruf wirklich bin. Bin ich ein guter Pädagoge, gebe ich den Kindern und Jugendlichen ausreichend mit auf den Weg? Und wohin soll dieser die jungen Menschen führen in einer Zeit, in der zum Beispiel Björn Höcke oder Donald Trump mit seiner First Gummipuppe die Menschlichkeit mit Füßen treten? In denen Taugenichts Dobrindt wider jede wissenschaftliche Einschätzung eine Maut durchdrücken will, die ganz offensichtlich nur die Schlüpfer der „Mia san Mia“ – Einzeller aus dem Südosten feucht machen soll?

Was brauchen Kinder in einer Zeit, in denen nichts mehr sicher scheint? Sicherheit? Wer soll die vermitteln? Der abwesende Vater? Die dauerappende Mutter? Ralph Caspers? Das Sandmännchen?

Halte ich mich an meine Aufträge? Finde ich diese vernünftig heraus, in Augenhöhe mit den mir anvertrauten Personen? Überschreite oder unterschreite ich das Gebotene und erkenne ich, was gerade dran ist? Wie gut bin ich im Stande, Grenzen zu setzen, wie gut kenne ich mich in meinem „Revier“ aus, wie erkenne ich, was gut oder schlecht ist?
Zu sagen, dass diese Fragen alleine schon ein Qualitätsmerkmal guter Pädagogik sind, genügt mir nicht wirklich. Denn Reflexion kann leicht zum Selbstzweck werden, und die Energie landet dann nicht bei den Kindern und Jugendlichen. Auch nicht, wenn man um sich selbst, die Vergangenheit oder diffuse Ängste kreist.

Am meisten fehlen mir in der aktuellen Diskussion um den Nachwuchs, die eng verknüpft ist mit der Frage nach der Zukunft der Welt, Zeit zur Sorgfalt, Achtsamkeit und die Ruhe, mal einen Gedanken zu Ende zu denken und auszuformulieren.
Wir springen immer zu schnell von unseren Wahrnehmungen zu unseren Bewertungen und Urteilen. Okay, wenn der Urmensch sich minutenlang über die Farbe des Säbelzahns wunderte, war er tot. Aber ein dunkelhäutiger Mensch, ein zappelndes Kind oder eine Frau mit Kopftuch wollen uns in den allermeisten Fällen eben nicht töten. Alles ist so angespannt, so Spitz auf Knopf. Polarisiert wie lange nicht mehr.

Wir bleiben viel zu kurz bei unseren eigenen Bedürfnissen stehen. Hören viel zu wenig in uns hinein. Und wann haben wir uns eigentlich selbst das letzte Mal etwas verziehen, für das wir uns vor uns selbst schämten?

Ich glaube, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen, dass ich meinen Job ziemlich solide erledige. Zu einem großen Teil entspricht er ja sogar meiner Berufung, und was könnte schöner sein? Besser geht immer, natürlich.

Ich bin Zeitgenosse der Kinder, will sie stärken, wecken, wachsam und achtsam machen. Füreinander. Für die Zeichen der Zeit, in denen die großen Konzerne und die kleinen Lichter uns unsere Menschenwürde wegnehmen und der Erde ihre Liebe absaugen. Es ist zum Verzweifeln, aber ich will nicht darin verharren.

Weiter, immer weiter. Schritt für Schritt. Zuversicht. In einem großen Haufen Scheiße steckt immer noch genügend Dünger für vier bis tausendeinhundertdreißig Gänseblümchen. Und die sehen hübsch aus und schmecken schön nussig, gerade demnächst im Frühling. Das zeige ich übrigens jedem Kind, das unter meiner Obhut steht.

„Langeweile?!“

Gestern mussten viele motorisierte Menschen von Schönholthausen nach Ostentrop fahren.
Darunter waren auch Rainer und ich, ich am Steuer.
An der Schützenhalle stand ein Polizeiauto. Moni hatte uns darüber schon beim Einsteigen aus dem Giebelfenster bescheid gegeben. Rasch hatte diese Nachricht also ihre Runde gemacht. Die Cops sind im Ort.
Als ich schließlich das Auto dort stehen sah, wo der Schützenplatz beim Schützenfest seine laufenden Bierleichen, Schnitzel im Mundwinkel, Mayo am Hemd, das aus der Buchse hängt, Gürtel auf halb acht, auswirft, war mein erster, laut ausgesprochener Impuls: „Langeweile?“

Warum? Wozu? Es hatten doch nur zwei Polizisten in einer Streife gesessen und die Kolonne der Trauergäste beobachtet? Als hilfreich für verschiedene Erklärungsansätze empfinde ich vor allem

Soziologische und kommunikationspsychologische Aspekte
Erklärungsansatz a) Neben mir saß Rainer, so wie ich Angehöriger der arbeitenden deutschen Mittelschicht rund um die vierzig. Da passt es nicht ins Konzept, dass Arbeit auch im Beobachten und Observieren bestehen kann. Uns kommt das wie Rumsitzen im warmen Auto vor. Vielleicht wollte ich mich ja vor Rainer beweisen oder mich mit ihm solidarisch verbünden.

Erklärungsansatz b) Das ist UNSER Pastor, das sind UNSERE Dörfer. Wir kriegen das hier schon alleine hin. Ich war schon zum Zeitpunkt von Monis Nachricht leicht angesäuert gewesen. „Was wollen die denn hier?“ hatte ich schon dort gedacht. An einem für beide Dörfer so bedeutenden Tag kam es mir vor, als stünden da fremde Gaffer am Straßenrand.
Aber angenommen, es hätte dort „nur“ ein Monteurauto während seiner Brötchenpause gestanden. Hätte ich die auch gefragt „Langeweile?!“
Hm. Vielleicht. Andererseits: Die Monteure hätten vielleicht nicht so streng geguckt, sondern eher so gedämlackt wie jemand, der auf der Heide unfreiwillig für eine Prozession halten muss und sich nun mal nicht unsichtbar machen kann. Wobei das „streng geguckt“ genau genommen meine Projektion war. Irgendwie muss man ja gucken. Ich brauchte diese Deutung zur Bestätigung meiner These.
Also ging mein ironisches „Langeweile?!“ doch gegen „die da oben“, repräsentiert durch die Polizei?

Erklärungsansatz c): Als der Pastoralverbundsleiter in seiner Ansprache während der Eucharistie sein Verhältnis zum Verstorbenen angesprochen hatte, erschien mir dies als unpassender, selbstdarstellerischer Egotrip. Jemand anderes, mit dem ich im Dorfhaus darüber gesprochen hatte, war aber schon wieder komplett anderer Meinung, sie fand das angemessen und authentisch. Ist ja auch in Ordnung. Kopf sagt: Größere Verwaltungsbezirke, Globalisierung, blabla, das muss zwangsläufig dazu führen, dass zum Beispiel nicht mehr Schmierpeiters Jupp oder Eiten Pauli die Dorfpolizisten sind, sondern halt der Pendler Helmut Büdenbender (Name erfunden) aus Gummersbach in Finnentrop Streife fährt oder Raimund Kinold in Schönholthausen eine Messe liest. Vielleicht wirkt der Frust darüber unterschwellig noch so stark, dass meine Sehnsucht nach überschaubarem Dorf sich beim nächstbesten Streifendienst entlädt. Gemischt mit Trauer um ein Kapitel meiner Jugend, das ich in „Vor der Krippe“ in Versform gegossen hatte. Also ein Bauchgefühl. Deshalb lese ich, Simone, Du weißt es ja, so gerne KNAX. Die kriegen es da ohne Polizei auf die Kette, und manchmal feiern die Knaxianer und die Fetzensteiner sogar mal zusammen ein Fest.

Ich denke, mein „Langeweile?“ entsprang ein bisschen einer Mischung aus allem. Die Polizei hatte wahrscheinlich über Funk die Anweisung „Großereignis in Schönholthausen“ bekommen und war halt hingefahren.
Alles weitere ist meiner Kopfkirmes entsprungen. Die Polizei ist wichtig. Und gut, dass sie dort stand.