Schwanger mit Texten, Angst vor der Geburt

Textschwanger latsche ich seit Wochen durch die Gegend, irgendwas wächst heran in meinen Hirnwindungen, und dann will man ja auch stolz sein auf sein Baby. Und dann hoffe ich, dass an seinem Torso auch alle notwendigen Gliedmaßen gewachsen sind. Ich prüfe so ziemlich alles, was ich gestalte und was mir widerfährt auf Verwertbarkeit als Text, aber momentan habe ich echte Ladehemmungen.
Entweder stelle ich zu hohe Ansprüche an das, was der Text letztlich ausdrücken soll und welche Resonanz er hervorrufen soll. Oder ich erlebe einfach zu wenig Berichtenswertes. Quatsch, nee, das kann ich mir nicht vorstellen, ich war doch immer dabei in den Wochen seit meinem letzten Eintrag, und ich kann Euch sagen, langweilig war es nicht. Ich habe zum Beispiel meine Leitungsstelle aufgegeben, um mich beruflich wieder den Dingen zu widmen, die mir Vergnügen bereiten. Ich habe kurz mit dem großartigen Hagen Rether gesprochen. Bin auch mit viel Tamtam ins neue Jahr gerutscht, sah Raketenschnüre und -blüten über dem gesamten Frettertal, von der Gierschlade aus ein wundervoller Ausblick. Habe ein neues Projekt als Autor auf einer Homepage von Pädagogen für Pädagogen begonnen. Habe mich mal wieder intensiv dem Sauriersammeln gewidmet, mit einigen wirklich guten Stücken. Einige davon hatte ich direkt mit ans GymSL genommen, um möglichen neuen Schülerinnen und Schülern ein Kladogramm der Wirbeltiere erstellen zu lassen. Habe Episode 8 im Kino gesehen, den wohl bisher umstrittensten Streifen der gesamten Saga. Habe wieder fleißig Christbäume vertickt.

Wieso verwerte ich all das nicht zu pointierten Texten?

Möglich ist zunächst, dass mittlerweile die Chance, jeden Pups fotografisch bei WhatsApp in den Status zu posten, verhindert, dass meine Erfahrungen gerinnen und zu Reaktionen wie zum Beispiel einem Text führen. Foto gemacht, hochgeladen, ruckzuck hast du Resonanz von 50 bis 70 Leuten und freust dir ein Bein ab. So unterschiedliche Menschen wie die Lehrerin eines schwierigen sozialpädagogischen Falls oder deine Ex sehen, dass du gerade Spaß machst mit einem Neandertalerschädel, ja komm, reicht doch, lieber 50 Reaktionen direkt im Sack als erst mühsam einen Text zu schreiben und sich dann auch noch den Link zum neuen Text per WhatsApp verschickend anzubiedern. Deinen Status sehen die Mitmenschen sich freiwillig an, aber wer kommt freiwillig auf Eitens Welt, wenn er nicht sicher ist, dass es dort was Neues gibt? Für mein Archiv oder auf gut Glück trudelt jedenfalls hier niemand hinein. Dafür müsste ich wiederum vielleicht einfach regelmäßiger hier schreiben, aber das will ich nicht, weil ich nicht mehr jeden Pups zur Pointe jazzen will.
Vielleicht ist es auch so, dass ich als überbordender Tage- und Notizbuchschreiber vieles direkt loswerde, was sich im ersten Impuls gerade Ausdruck verschaffen will. In meinem „Schwallbecken“ und in meinem Tagebuch landet ganz schön viel erste Wut, erste Liebe, erster Impuls. Das ist wie ein Wellenbrecher, und dann reicht es mir oft auch schon. Jetzt kommt sogar noch ein „Superbuch“ dazu, in dem es hauptsächlich um schwache Beziehungen, Netzwerk- und Karriereplanung geht, aber auch um den ganz normalen Blödsinn („Weihnachtsbaum an die Straße“ oder „Zahnarzt wegen Füllung“).
Es mag auch sein, dass ich nicht mehr ganz so extrovertiert bin wie noch vor 20 Jahren, zu Beginn dieses Blogs. Vieles mache ich mit mir selbst aus und posaune es nicht mehr über meinen Blog in die Welt. Vieles, was ich damals geschrieben habe, ist mir heute sehr peinlich, und wer garantiert mir eigentlich, dass ich in zehn Jahren, wenn ich das hier vielleicht wieder lese, mich nicht in Grund und Boden schäme?
So eine Schreibblockade lässt dich die wesentlichen Motive deines Schreibens nochmal ergründen, und mir ging es halt stets um folgendes: Ich will möglichst vielen möglichst unterschiedlichen Menschen einige Minuten des Glücks schenken, sie mit meinem Ausdruckstalent einen Augenblick lang erlösen vom Riesenschwachsinn unserer Tage. Mich als Anderer unter Gleichen total öffnen, Wunden zeigen im Vertrauen darauf, dass sie schon niemand weiter aufreißen oder gar Salz hineinstreuen wird. Zeit-Genosse sein und Wegbegleiter. Texte als Wegzehrung schreiben, für alle, die sie gerade brauchen.
Und das möchte ich so gut wie möglich machen. Immer, wenn mir jemand sagt, „Eiten, wenn du ein Buch schreiben würdest, ich kaufte eins“, werde ich unsicher. Zu viele gute Vorbilder treffen auf zu große Selbstzweifel. Axel Hacke? Harald Martenstein, pah, Lichtjahre von mir voraus? Oder doch einfach nur mutiger, routinierter?
Und wie viele Walter Moers gibt es überhaupt da draußen, die zu großartigen Werken („Käpt´n Blaubär“) in der Lage sind, nur um dann jahrelang zu schweigen oder Dünnschiss („Prinzessin Insomnia“) zu verkaufen?
Also: Entweder da wächst gerade wirklich etwas heran. Oder ich blubbere nur in einer um mich selbst drehenden Blase um mich selbst herum, und all das hier ist eitler Tand.
Schon schwierig, so eine Schwangerschaft. Vielleicht sollte ich mal zu einem Vorbereitungskurs. Oder zu Hecheln.
Wir lesen uns, versprochen. Ich kann nur nicht mehr sagen, wann.

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2017, 2018 und alles dazwischen

Überall Plätzchenkrümel. Entfleischte Vogelskelette. Weinflecken auf der Tischdecke. Die Rote Grütze mit Vanillesoße sieht aus wie Omas offenes Bein. Wir lehnen uns zurück und unterdrücken den herzhaften Rülpser, der am Kehlkopfdeckel klopft, kanalisieren ihn in ein zischendes Ausatmen durch die Zähne. Die Augen glasig von der Heizungsluft. Das erste Spielzeug ist kaputt, das Kind jammert. Und ausgerechnet an Weihdachten ist kein Sekundenkleber im Haus. Den bräuchte man nicht nur fürs Spielzeug, sondern hätte ihn auch gern für die Lippen der brabbelnden Verwandtschaft. Alle will man am liebsten im Nacken packen, sie mit großen Augen anschauen, wie Lecter, kurz bevor er Nasen abbeißt, mit der anderen Hand die Tube zücken und dann einfach auf ihre Lippen drücken, während man leise, in sich hinein, „Es ist ein Ros´ entsprungen“ summt.
Nanana, muss es wirklich so brutal sein? Natürlich nicht. Gerade an Weihnachten hängt doch eh jeder total in den Seilen. Lassen wir uns in Ruhe. Ein weiteres Jahr geht vorüber, ich rette mich soeben in irgendeinen Sessel, ziehe mir warme Socken an, denke an Scheitern und Erfolge. Während ich gleichzeitig versuche, die Konturen des neuen Jahres hinter den Lichterketten zu erkennen. Bleibt alles anders.
In diesem Halbundhalbleben, von einem vollen Bauch zum nächsten stolpernd, mit Resten des alten Jahres und Hoffnungsfunken für das neue im Kopf, ist es am besten, man lästt mich einfach mal in Ruhe. Stochert nicht rum. Gibt keine Ratschläge, auch keine ungebetenen. Macht mich nicht fertig, ich lasse meine Messer ja auch in der Tasche. Ich habe genug gekämpft, genug verloren. Habe genug Gummiwände mit einem Hammer bearbeitet. Bin oft genug im norddeutschen Morast stecken geblieben. Bin oft genug mit dem Männchen hinterm Auge aufgewacht, das mir immer den Apfel aus der Höhle treten will. Habe mich leer gelabert. Leer gedacht. Müde gekämpft. An falschen Fronten und für gute Zwecke. Habe genug Bäume durch die Tröte gezogen. Bin lange genug durch Sauerländer Wälder und am Mittelmeerstrand entlang gewandert. Hab mich super und elend gefühlt, bin vielen Menschen was schuldig geblieben und war nachsichtig anderen gegenüber, wo ich vielleicht hätte fordern sollen. Visionen, Ideen, Spinnereien, Ausdrücke, Flüche, Hoffnung, Trauer, ich wurde auf Normalmaß gestutzt, mehr als einmal. Habe Löcher gestopft mit Erde aus anderen Baugruben. Bin gestolpert über einen dusseligen Stein, weil ich den Kopf wieder in den Wolken hatte. Dann legst du dich halt mal wieder lang auf die Fresse, denke ich, das kennst du doch. Brauchst du auch. So spürst du wenigstens das Leben. Als Energie. Baust du dich halt wieder auf.
Ich weiß doch, dass die Stücke zusammen passen. Ich habe sie ja selbst auseinander fallen gesehen. Gebt mir Zeit. Ich lecke nur mal eben meine Enttäuschung von der glasglatten Tischplatte. Trockne sie ab. Schreibe mit fettem Edding meine Erfolge drauf. Und mache mir ein kleines Gesteck, stelle es daneben, zünde die Kerzen an und starre hinein.
Dann werde ich ja sehen, was geschieht.
Euch allen frohe Weihnachten und einen guten Übergang ins Jahr 2018. Wir sehen uns, hören uns, fühlen uns.

Über Achtsamkeit im Bad

Achtsamkeit, Ruhe und Besinnung. Ausgerechnet das soll einem wie mir gelingen, dessen Gedanken und Themen so sprunghaft sind wie Flöhe auf dem Trampolin. Es gibt trotzdem auch bei mir diese Momente, in denen das Hier und Jetzt sich von seiner tollsten Seite zeigt. Nur wenige Erlebnisse ersetzen mir das Gefühl eines Q-tips im Ohr! Für die Jüngeren: Q-tips sind Wattestäbchen, auf deren Verpackung Ihr immer streng ermahnt werdet, sie nicht in den Gehörgang einzuführen. Ja, worein denn sonst? Haben wir außer den Ohröffnungen noch sonstwo am Körper symmetrisch angeordnete Löcher? Wahrscheinlich müssen die Wattestäbchenhersteller diesen Warnhinweis auf die Packungen drucken, seit irgendein dusseliger Amimanager seine Frau während ihrer Ohrhygiene so dermaßen feste angerempelt hat, dass das Stäbchen durch Trommelfell und Mittelohr direkt in das Gehirn stieß, was zum augenblicklichen Stillstand aller Körperfunktionen führte. Bei diesen Botox-Schlampen weiß man zwar nicht immer, ob sie noch leben oder ob sie nur noch winzige, raffiniert platzierte Motoren bewegen wie damals vermutlich den Johannes Heesters. Aber wenn Sally dann mit einer Seite des Wattestäbchens im Ohr regungslos längs vor dem Whirlpool liegt, und die andere Hälfte lugt nur noch fünf, sechs Millimeter heraus, kann man davon ausgehen: Hier hat Unachtsamkeit zum Tode geführt. Im großen Maßstab gelingt das den Managern übrigens auch, da vernichten diese Psychopathen innerhalb Sekunden mal eben einen ganzen afrikanischen Küstenstaat.
Das Bad wird uns in LIDL Prospekten oder von Tigges und Zepke immer als Wellness- Oase verkauft, hyggig sollen wir es uns machen in dieser letzten Bastion gegen die Wirren der Zeit. Die Wahrheit ist oft ernüchternd: Kinder kacken daneben, Männer vergessen im Stehen selbst rudimentäre Reste von Anstand, in vernachlässigten Handtüchern tobt sich der Stockfleck aus, fröhliche Urständ im Reich der Pilze, wächserne Tuben und Tiegel auf schmierigen, kalkigen Regalen laden zum munteren Verwechslungsspiel ein. Es soll schon Menschen gegeben haben, die sich in morgendlicher Tranigkeit mit Bepanthen oder der Faltencreme der Liebsten die Zähne geputzt haben. Was später im Büro allerdings ohnehin nicht auffallen würde. Da wird dann egal welcher Mundgeruch direkt von einer satten Kaffeefahne vernichtet.
Aber ich schweife ab. Ein Q-tip im Ohr ist also für mich höchster Genuss, und ich finde, ich darf das an dieser Stelle auch einfach mal so in die Öffentlichkeit tragen. Unter mir wummert die Fußbodenheizung meine verstreuten Klamotten warm, draußen stürmt und schneit es und ich aktiviere irgendeinen Nervus irgendwas, der mich direkt in die Schönheit des Augenblicks katapultiert. Das tue ich gedankenverloren auch schon mal beim Darts mit den Pfeilspitzen, nur leider ist da keine Fußbodenheizung dabei und es gibt auch Zuschauer, die sich ziemlich rasch entrüsten.
Das „Q“ im Q-tip steht übrigens für „Quality“, das „tip“ bezieht sich auf die Baumwollenden. Wie winzige Zuckerwatte streicheln sie den Gehörgang, reinigen ihn rasch und sicher und lassen selbst einen Hibbelgeist wie mich einen Moment lang in der Entropie des kalten Universums, Ihr dürft diesen zentralen Begriff ruhig mal nachschlagen, vor Anker gehen.
Ich wünsche meinen treuen Leserinnen und Lesern einen schönen ersten Advent!

Das Buch als Zitteraal

Ich leide an einem Phänomen, das mir so eigenartig vorkommt, dass ich noch nicht einmal einen Namen dafür weiß. So weit ich weiß, bin ich der einzige Mensch, der das kennt.
Erst kaufe ich tonnenweise Bücher mit Kolumnen drin, von Axel Hacke zum Beispiel oder von Jan Weiler. Und dann lese ich keine einzige ihrer Kolumnen zu Ende, weil ich es nicht aushalte. Nicht etwa, weil das, was ich lese, so langweilig wäre oder schlecht. Aber es ist halt oft eben gut, und dann muss ich das Buch weglegen, weil es mich zu sehr neidisch macht, zu sehr beschämt oder zu sehr stimuliert. Solche Bücher sind wie elektrische Aale, die meine Seele fassen will, doch dann nach dem Schlag zurück schreckt.
Ebenso geht es mir mit Fachbüchern. Seit Monaten schon blicke ich verschiedene Buchrücken auf dem Schreibtisch an. „Systemisches Handwerk“ brüllt ständig „Benutz mich, Du Hund! Du kannst nicht ewig intuitiv arbeiten und es dann Systemik nennen“, während „Sozialpädagogische Interventionen in Familien“ sich klein macht und ständig „Nie nimmst du mich in die Hand“ schmollt. „Werkstattbuch Elterncoaching“ weist mich stark auf mein Alltagsgeschäft hin, das derartige Flausen aktuell gar nicht erlauben würde. „Ich schaff´s!“ von Ben Furman macht mir permanent ein schlechtes Gewissen, weil ich die Kids auf der Arbeit oft einfach nur beschäftige, statt mich fachlich-pädagogisch um sie zu kümmern. (Diese Betrachtungsweise ist eine eigene Kolumne wert. Irgendwann in diesem Theater.) Und „Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben“ beißt mich wahrscheinlich bald vor Wut, nach all den Jahren, eingequetscht zwischen „Compact Wörterbuch Fremdwörter“ und dem „Großen Reimlexikon“.
Nochmal das Bild: Das Buch als Zitteraal. Und ich bin nicht immun.
Wie findet man für so etwas jetzt einen Namen? Wie nennt sich das Phänomen? Ist es Ausdruck einer Angststörung? Kopfkirmes? Selbstschutz, damit ich mich nicht permanent überfordere? Oder einfach nur eine blöde Grille?
Handelt es sich vielleicht um denselben Effekt, den Bassisten kennenlernen, wenn sie sich ein Album von Tool anhören ? Wieso kann ich als Nichtbassist deren Musik rundum genießen ohne sie abzuschalten? Und Gerrit nicht, weil er zu Zeiten von „Lateralus“ – die Erscheinung des Albums fiel in unsere Aufnahmen zu „Grow“ – halt eben ein ambitionierter Basser war.
Es gibt auch Bücher, die kann ich durchaus lesen. Die Lektüre des „Steppenwolf“ oder der „Klavierspielerin“ gelingt mir immer wieder famos. Bei Tool, Jelinek oder Hesse liegt mein Glück wohl in der Unerreichbarkeit ihrer Werke durch mein Streben. Ich kann ja auch keinen Zeppelin bauen. Und Mittelstürmer bei Schalke geht seit meinen falschen Einwürfen und Eigentoren in der E-Jugend auch nicht mehr wirklich.
Aber so gut wie Hacke könnte ich schreiben. Und das sage ich sogar ohne jemals eine komplette Kolumne von ihm gelesen zu haben.
Vielleicht ja auch nicht, und dann wird´s halt „nur“ eine „Eitens Welt“. Mit der sichere ich mir einen regelmäßigen Platz in Eurer Aufmerksamkeit, liebe Leserschaft, die ich exklusiv nennen muss darf. Wer weiß, vielleicht sogar in Eurer Gunst. Und das ist viel wert, aus zwei Gründen, die Kay Pollak aus Schweden mal so schön unter einen Hut brachte: Alles, was wir tun, tun wir entweder, um Liebe zu geben, oder um welche zu bekommen. Beides geht mit dem Schreiben für mich am besten, und vielleicht denkt Axel Hacke ja genau so?

Meine Tagebücher und ich – Willkommen zu einem neuen Streifzug!

Erneut begeben wir uns heute in die Tiefen meines opulenten Tagebucharchives. Mit meinen Kommentaren von heute. Ohne weitere Vorrede, hinein ins Leben!

„Morgen geht es zur Düsseldorfer Büchermeile. Abends habe ich mal wieder Georg zu einem Pokerabend mit vielen Mojitos zugesagt.“ (S. 700)
Wir wussten gegen drei Uhr nicht mehr, wo oben und unten war. Das Pokern war selbstverständlich nur das Alibi.

„Seit die Sauriervitrine im Büro steht, fühle ich mich hier heimischer. Gestern habe ich sogar hier oben Kakao geschlürft.“ (S.737)
Nein, es muss wahrlich nicht immer die große Zeitgeschichte sein.

„Die nächste Kladde wird A5. Ist sicher praktischer. Und ermöglicht mir, kleinere Einheiten an Erfahrung und Reflexion aufzuzeichnen.“ (S. 756)
Pustekuchen. Die A5 Kladde war super schlecht gebunden, fiel ruckzuck auseinander, ich ging wieder zu A4 über. Allerdings schrieb ich von da an auch unterwegs, und zwar in meine A6 – „Schwallbecken“.

„Meine dunkle Seite ist, dass ich im Grunde schon auf Wirkung hin denke. Das ermöglicht mir zwar oft blitzschnelle Reaktion und den einen oder anderen Lacher, lenkt mich andereseits aber auch stark von mir selbst ab. Wobei es sowas wie ein „Selbst“ ja auch nur innerhalb von Rollenzuschreibungen und -erfüllungen gibt und niemals als nackten Kern, Seele oder „göttliche Instanz“ in mir drin. Das „Ich“ ist tot. Gott schon länger. Welche Illusion fällt als nächstes?“ (S.768)
Mein lieber Herr Gesangverein. Goffmann, Nietzsche, Schulz von Thun. Alles so furchtbar ineinander verzahnt, dass es nur in einem solchen Satz enden konnte.

„Wenn ich mal so an meine Spezialfälle der letzten Jahre denke, fällt mir auf, dass ich fast immer zu tun hatte mir alleinerziehenden Müttern bzw. Patchworkfamilien mit keinem oder „wenig“ Vater. Und dass ich, bevor irgendwelche Hilfe-Ding und Verhaltensänderungen begonnen wurden, ich immer erst probiert habe, den Vaterhunger der Jungs zu stillen.“ (S. 953)
Ja. Absolut. Heute noch. Immer wieder. Ein Muster.


„Raus aus dem Bett ist schwer, habe eh nix vom Leben. Da kann ich auch liegen bleiben.“
(S.1008)
Natürlich, es war ein Montag.

„Morgen kommt die neue MAIDEN, und ich bin sowas von gespannt.“ (S. 432)
Es sollte eine der besten Platten der Band werden. Ich bog nach den Kauf in einen Feldweg ein und kam nach „A Matter Of Life and Death“ zu spät zum Dienst.

„Nicht enden als sein eigenes Making Of, wie so viele gescheiterte B-Promis, Pocher, Becker, die Onkelz oder so. Kein Abziehbild werden. Keine Karikatur seiner selbst werden. Das dürfen nur Otto und Lagerfeld.“ (S.2964)
Na sowas. Promikritik auf höchstem Niveau. Bald fange ich bei der BUNTE an.

„Ich umgebe mich gern mit schönen Dingen. Als Ausgleich für die Ambivalenzen, die ich ertrage, möchte ich keine Gelegenheit auslassen, mich in schöner Umgebung aufzuhalten.“ (S. 495)
Ja, mein erlesener Geschmack und ich. Warum bloß sieht meine Seite des Schlafzimmers trotzdem aus wie eine Caritas- Kleiderkammer?

„Ein echtes Retro-Erlebnis, dem Müllwagen das Falker runter zuzuschauen. Ansonsten sind diese Tage geprägt von einer luschigen Gleichgültigkeit, der Kopf ist endlich mal leer wie ein ausgepustetes Osterei.“ (S. 268)
Kennt Ihr das auch, zwischen Weihnachten und Neujahr?

Bis zum nächsten Mal!

Licht und Leere

Der Friedhof ist ein Meer aus Licht
Ich stehe bei den Ahnen
In Lichtflut dort, ich hör sie schrein
Ziehn Stürmer ihre Bahnen.

Auch Abwehr und das Mittelfeld trainieren dort ihr Spiel
Die unter mir trainiern nicht mehr
Doch sind sie schon am Ziel?

Ich möcht so gern der Mittler sein
Mit meiner Poesie.
Hier steh ich auf dem Totenfeld
Dort hinten muht das Vieh.

Der Monolith, das Kreuz aus Holz
Sie tragen unsere Namen
Dort hinten platzt der Ball vor Stolz
Da unten liegen Dramen.

Der Plätscherbach im Wiesengrund
Die Flieger in der Luft
Massiern das Erdreich Stund um Stund
Es beben Grab und Gruft.

Wir wandeln auf dem Ball aus Fels
Ist alles nur Chemie?
Bevor wir selbst gestorben sind
Erfahren wir es nie.

Und Leere heißt nicht „alles fehlt“
Es fehlt nur die Gestalt
Der eine wird erwachsen
Der andere wird nur alt.

Und später werden alle kalt.

Heute hat die Welt Geburtstag

Es ist der Tag der Deutschen Einheit.
Heute möchte ich über Rammstein schreiben und was sie mir bedeuten. Das ist nämlich ziemlich viel. Auslöser dieses kleinen Textes ist die Veröffentlichung von „Heute hat die Welt Geburtstag“. Keyboarder und Bandclown Flake hat es geschrieben; es pendelt zwischen seinem Erleben eines Rammstein – Konzertes in Budapest und vielen super lustigen Rückblenden in die Bandgeschichte. In der ZEIT gab es eine Rezension dieses Buches, die sehr positiv ausfiel und das Werk als „existenziell vertrottelte Kostbarkeit“ beschrieb. Ich bin jetzt auf Seite 200 und muss sagen: stimmt. Auf so gut wie jeder Doppelseite kann man sich angesichts Flakes charmanter Lakonie eigentlich nur bepissen vor Lachen. Als er einen seiner ersten selbst kreierten Samples als „Sterbenden Saurier“ beschriebt, gab es für mich kein Halten mehr. Mittlerweile weiß ich auch, dass der sterbende Saurier in „Das alte Leid“ besonders zur Geltung kommt, einem morbiden Song des Debüts „Herzeleid“ von 1995.
Zu diesem Album gelangte ich kurz nach Weihnachten 1995. Eigentlich hatte ich es mir schon zu Weihnachten gewünscht. Damals war es gute Sitte, dass ich mir eine CD vom Christkind wünschte. So habe ich trotz schmalen Budgets einige echte Kostbarkeiten entdeckt, beispielsweise 1993 „Sound Of White Noise“ von Anthrax. Ich guckte im Metal Hammer nach Alben, die im Soundcheck gut abgeschnitten hatten oder deren Rezension mich ansprach und schrieb sie auf eine Liste. Mit dieser ging Mama dann während des traditionellen vorweihnachtlichen Ausflugs des Müttervereins nach Köln in die Plattenläden und wird da sicherlich das eine oder andere Mal für tüchtige Verwunderung gesorgt haben. Naja, und als 1995 die Bescherung kam und „Herzeleid“ nicht auf dem Gabentisch lag, war ich schon etwas enttäuscht. Für LEGO fühlte ich mich damals zu groß, den Heiligabend konnte also nicht mehr mit dem Aufbau irgendwelcher Raumstationen gestalten. Ich war 17, so ein Alter, in dem zwischen Fisch und Fleisch noch ganz viel möglich ist. Paläontologe zu werden schien mir damals noch im Rahmen des Möglichen, und so erfreute ich mich wenigstens an einem Buch über die Urzeit. Immerhin. Eines Tages im Frühling 1996 bereiteten wir uns dann auf die Vorabendmesse vor. Papa hatte mich gebeten, sein Gesangbuch aus „seiner“ Schublade in der Flurkommode zu holen. Unerwartet starrten mich sechs Herren mit nackten, eingeölten Oberkörpern an. Ich war sehr irritiert, was tat die „Herzeleid“ neben dem Gesangbuch meines Herrn Papa? Ähem, naja, okay, stammelte dieser, er habe sich vor Weihnachten mal einige Lieder angehört und habe diese ganz fürchterlich gefunden und daraufhin beschlossen, diese Musik sei nichts für mich. Hallo?! Gibt es einen besseren Weg, Rammstein – Fan zu werden? Irgendwie händigte er mir die CD dann aus, und was daraufhin in meinem Gehirn passierte, ist wohl am ehesten mit einem „Urknall“ vergleichbar. Nach der „Powerslave“ von Iron Maiden, die etwa fünf Jahre zuvor mein Weltbild umgekrempelt hatte, riss „Herzeleid“ das mühsam errichtete Gebäude wieder ein; kein Stein blieb auf dem anderen. Der Chorus von „Der Meister“, das gerade sogar läuft, während ich diese Zeilen schreibe, war nicht weniger als eine Offenbarung. Nie zuvor hatte ich derartige Klänge gehört. Klampfen schon, aber nicht solche Riffsägen und Keyboards, die schön kitschig und dennoch beinhart den Klang unterfütterten. Dass ich später meinen Eltern nochmal einen Rammstein – Schockeffekt bereitete, als sie den von innen ans Fenster geklebten „Ich will ficken!“ – Aufkleber in meiner zweiten Studentenbude entdeckten, verschweige ich an dieser Stelle wohl besser. Ob ich das anno 1999 wirklich immer so gewollt hatte oder auf diese Weise nur etwas übermütig meinen Übergang in die Selbstständigkeit feiern wollte, ist im Nachhinein schwer zu prüfen.
Na, und seit gestern gehört das zweite Buch des Erzeugers dieser Klänge mir. Bald habe ich es durch, und ich muss sagen, was sich während meiner Pubertät auf der anderen Seite tat, bevor „Herzeleid“ und ich schließlich aufeinander prallten, erzählt Flake in einem genial beiläufigen „Hilft ja nix“ – Tonfall, den übrigens auch Horst Evers bombig beherrscht. Super Lektüre! Allein das Cover.
Nach 23 Jahren ein solches Rammstein – Erlebnis zu haben, ist ein echtes Geschenk.
1996 hatte ich mir übrigens „Wunschkind“ von Oomph! zu Weihnachten gewünscht und bekommen. Ganz ohne familieninterne Vorab-Zensur, und das, obwohl das Cover doch ziemlich schrecklich aussah. Papa hatte offenbar dazugelernt.
Ich mit Flakes neuem Buch übrigens auch: Manchmal ist es besser, man steht sich kräftig wundernd etwas neben seinem Leben, statt ständig darin herumzufuchteln, alles beherrschen und dirigieren zu wollen, um es letzlich doch eher zu verschlimmbessern.