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Gesellschaftskritik

Das Gute loben. Wieso denn nicht?

Ich mag die Firma Schleich nicht sonderlich. Sie stellt Gummifiguren zum Sammeln und Spielen her. Darunter sind auchüberwiegend furchtbar schlimm gestaltete Dinosaurier. Außerdem ist die Firma Schleich mir unsympathisch, weil sie zum Teil unverschämt auftretende Außendienstler beschäftigt (wie mit ein Spielwarenberater seinerzeit im Vertrauen berichtete) und den Einzelhandel nach Belieben dominiert. Figuren der Firmen Papo, Bullyland oder CollectA kann man kaum mehr irgendwo vor dem Regal aussuchen und im Laden kaufen. Außerdem ist es beschissen für mich als Sammler, wenn ich wieder mal eBay durchstöbere. Andauernd Schleich. Schleich. Schleich. Schleich. Wie eine öde, triste Wüste aus Scheißdinosauriern. Manchmal allerdings lassen sie auch gute Designer ran und bringen Modelle heraus, die zeigen, was Schleich könnte, wenn es denn wollte. Verschiedene dieser Saurier habe ich mir dann auch gekauft. Da stelle ich gerne meine Vorbehalte zurück und sage, okay, wenn Ihr solche Modelle macht, dann bitte, dann habe Ihr mich als Kunden.

Jetzt zu Finnentrop. Wenn Ihr nicht unter einem Stein gelebt habt die letzten Jahre, wisst Ihr, was ich davon bisher halte. Eine Kunstgemeinde, seit 1967 ohne echte Attraktionen, halbherzig gemanagt und vermarktet. Nicht, dass ich es besser könnte. Ich schreibe nur aus der Sicht eines Bürgers, der sich leider bisher nicht besonders mit seiner Gemeinde identifiziert hat. Es läuft halt viel über die Identität der Dörfer. Letztens wurde ich wieder nach meiner Herkunft gefragt. Ständig muss ich dann die nächstgrößte Stadt nennen. Und die ist dann auch noch ausgerechnet Olpe! Doch jetzt kommt das große Aber: Ich könnte es jetzt so machen wie der 08/15 AfD-Wähler und motzen, meckern und auf meinem fetten Hintern sitzen bleiben. Ich könnte weiter über die grausige Tallage ablästern. Ich könnte auch Metten – Bashing betreiben und auf den Anti-Tönnies – Zug aufspringen. Alles zu Recht. Dann wäre einfach alles doof und überhaupt und sowieso.

Ich kann aber auch den außerordentlich gelungenen Lennepark loben, an dem ich mich mittlerweile gern mal aufhalte. Super gestaltet, ein gutes Ziel für leichte Radtouren, und dann ein Herrencréme – Eis am Lenneufer. Komischerweise gefällt mir auch die Fußgängerüberführung immer besser, je öfter ich darunter her fahre. Und andauernd sehe ich Wohnmobile an den Stellplätzen. Ich kann auch loben, dass endlich der Bücherschrank Realität wird, den ich mir lange gewünscht hatte und dass ich doch ganz gerne mal im Finto in der Dampfsauna sitze, um meine Fremdsprachenkenntnisse zu erweitern. Außerdem haben wir tollen Gin und gute Handwerksunternehmen. Klagen und meckern finde ich wohlfeil. Selbst gestalten und am Guten anknüpfen, dahin geht´s. Ich kann auch den Bürgermeisterkandidaten der CDU loben, der sich letztens die Lage der Grundschule in Schönholthausen angeschaut hat. Wieso denn nicht?

Es gibt großes Potenzial in der Gemeinde, und es bringt uns nicht weiter, wenn wir lästern, klagen und dummes Zeug reden. Bürgermeister Heß hatte im Februar bedauert, dass aus meiner Altersklasse kaum mehr jemand Lust an Kommunalpolitik habe. Mich habe er auch noch nie in einer öffentlichen Ratssitzung gesehen. Tja, da hat er Recht.

Wir werden sehen, was die Zeit bringt. Heute ging es mir darum, mal zu loben, wenn es angebracht ist. Die guten Modelle bei Schleich genauso wie die schönen Seiten unserer Gemeinde.

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Poesie oder was ich dafür halte

Das Leben

Das Leben ist kein Ponyhof
So hört man sie oft sagen
Doch die das sagen, sind meist doof
Und wollen nichts mehr wagen

Das Leben ist ein Haifischbecken
So will man uns erzählen
Wer dies so meint, hat Dreck am stecken
Man sollte ihn nicht wählen

Das ganze Leben ist ein Quiz
So sang es einst der Hape
Es ist vielleicht auch bloß Beschiss
Von Eros bis Agape

Jetzt schreibe ich, wie ich so denk
Und ziehe auch Vergleiche
Die Verse, manchmal ungelenk
Sind schelmisch – kleine Streiche

Das Leben ist bloß ein Programm
Das Aliens uns spielen
Mit großem Aufwand und Tamtam
Dienen wir ihren Zielen

Das Leben ist ein Krötenfass
In dem wir satt uns aalen
Der Schleim der Drüsen tauft uns nass
Wir leiden große Qualen

Das Leben ist ein Düsenjet
Wir fliegen durch die Zeiten
Es liegen alle gern im Bett
Am liebsten – klar – mit Eiten

Das Leben ist ´ne Raumstation
Mit Flugplan und Kantine
Es liebt Piloten als Person
Und Halbfettmargarine

Das Leben ist ein Keller Wein
Mit Rotem und Burgunder
Und abends, mit der rechten fein
Holt es sich einen runter

Das Leben ist ein Taubenschlag
Ein Kommen und ein Gehen
Man kennt die Vögel, die man mag
Und manche bloß vom Sehen

Das Leben ist ein Swimming Pool
Ist voller Chlortabletten
Wir fühlen uns besonders cool
Mit dem, was wir gern hätten

Das Leben ist ein Viermannzelt
Mit dauerfeuchtem Boden
Auf dem sich Unterwäsche wellt
Die einst warm hielt die Hoden

Das Leben ist ein Vogelnest
Auf dem die Störche streiten
Doch wenn man sie nur vögeln lässt
Kommt alles schon beizeiten

Das Leben ist ein Klassenzimmer
Und einer ist der Clown
Doch ebenfalls gibt´s einen immer
Den gerne wir verhaun

Das Leben ist ein Landgasthof
Mit einem dicken Wirt
Und einer geilen Kellnerin
Längst ist sie anvisiert

Das Leben ist ein Bücherschrank
Mit Bibel, Freud und Hesse
Wer dann das Falsche liest, wird krank
Kriegt einen an die Fresse

Das Leben ist ´ne Innenstadt
Mit hässlichen Geschäften
Die kleinen Läden sind längst platt
An Ketten wir uns heften

Das Leben ist ein LKW
Mit Kühlung und Paletten
Und bleibt es stecken mal im Schnee
Helfen gute Ketten

Das Leben ist ein schwarzes Loch
Das alles saugt und killt
Und aus der anderen Seite doch
Das Neue wieder quillt

Das Leben ist von sich aus nicht
Es ist, was wir draus machen
Und wer nichts tut und wer nie spricht
Hat meistens nichts zu lachen

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Gesellschaftskritik

Macht Euch die Erde untertan

Ich möchte gerne etwas zu Tönnies schreiben. Aber ich weiß nicht, wie und wo ich am besten ansetzen soll. Ich will mit diesem Text meine Wut kanalisieren , Einsicht schaffen und vielleicht sogar Leben retten. Etwas zu viel verlangt, oder?

Was ich schreibe, sollte nicht wirklungslos verpuffen. Ihr würdet das hier lesen, dann mit den Schultern zucken und sagen, naja, tja, ich habe halt Appetit auf Fleisch. Das wäre die Fortsetzung von dem, was wir längst kennen. Und von dem wir wissen, dass es die Erde vernichtet. Wir haben das unsögliche Leid, das Menschen hinter jedem Metten – Knacker und hinter jedem Wiesenhof Bruzzler ertragen müssen, aus unserem Blickfeld verbannt. Wir nennen Fleisch weiterhin guten Gewissens „ein Stück Lebenskraft“. Wir, die Nachkriegsenkel, die von ihren Eltern mit Fleisch als überschüttet wurden, drehen weiter am Rad des Leids, getreu dem Genesis – Vers „Macht Euch die Erde untertan.“ (Haarsträubend fehlinterpretiert, Jesus würde sich im Grab umdrehen, wenn er eines hätte, wenn er gerade sieht, was der Mensch aus der Schöpfung gemacht hat. Aber das wäre mal Thema für einen eigenen Text.)

Was ich schreibe, sollte aber auch nicht in einem Lynchmob an Tönnies enden. Ich gebe gerne zu, dass es dem Rachsüchtigen, dem Wütenden in mir nicht wenig Freude machen würde, ihn mal so drei, vier Stunden lang in eine seiner Betäubungsmaschinen einzuspannen. Ein von Heimweh geplagter Rumäne schaut ihm ganz tief in die Augen, die Hand immer am Knopf des elektrischen Impulses – Ausgang offen. Aber schriebe ich etwas in der Art, machte ich mich ja gerade gemein mit dem, was ich bekämpfen will – ich würde ebenfalls zum geldgeilen Sadisten.

Also muss ich einen Mittelweg finden. Ich muss erstmal akzeptieren, dass eine riesige Tötungsmaschinerie tagtäglich dafür sorgt, dass fühlenden, denkenden Wesen unsägliches Leid zugefügt wird. Ich muss mir mit klarem Kopf eingestehen, dass ich nach einem Jahr als Vegetarier rückfällig geworden bin und beim Grillabend mit Appetit ein Billigsteak in mich reinschaufle oder zwei. Dass ich nicht mit dem Finger auf einen vom Kapitalismus zerfressenen Widerling zeigen darf, wenn ich nicht selbst konsequent genug bin, auf Fleisch zu verzichten.

Natürlich kann ich wie letzte Nacht mit etwas zu viel Alkohol im Kopf den Tönnies – Pressesprecher Dr. Andre Vielstädte per Instagram fragen, wann genau er eigentlich seine Selbstachtung verloren hat. Ich kann Frau Schulze Föcking weiter die Pest an den Hals wünschen für all die Verlogenheit, mit der sie sich aus der Tierwohl – Affäre gezogen hat. Ich kann kratzen, beißen, Ställe anzünden, kann weiter so einen Firlefanz schreiben wie gerade.

Aber das trifft es alles nicht genau. Es bliebe diffus. Ich bin als Endverbraucher Teil der Verwertungskette. Ich komme da nicht raus. Wenn das so weiter geht, werde ich dank meines Fleischkonsums Darmkrebs kriegen und Gicht und dann vom Tönnies – Kunden zum Arzthopper werden. Ist mir alles schon klar. Tönnies, Metten und wie sie alle heißen verdienen durch mich ihre Millionen. Wegen mir leben und sterben die Schweine, Hühner und Rinder unter horrenden Umständen. Wegen mir werden auch im 21. Jahrhundert noch Menschen versklavt.

Und wegen Dir.

Also, was wollen wir tun?

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Wie das Leben so spielt

Ich brauche Euren Rat

Werte Leserinnen und Leser dieser Kolumne, danke für Eure Treue und Eure zahlreichen Besuche, insbesondere in den vergangenen zwei Wochen. Mit meinem kleinen Wutausbruch zum Thema „Homeschooling / Arbeitsblätter“ und dem Vorschlag, den Kreis Olpe nicht nach einer maximal mittelmäßig attraktiven Kleinstadt zu benennen, sondern „Südsauerlandkreis“, habe ich gleich zwei Nerven in einer Woche getroffen. Okay für mich. Freut mich.

Darüber hinaus freut es mich, dass mein Exposé zum Buchprojekt fertig ist und jetzt nach und nach an ausgewählte Verlage geschickt wird, die hoffentlich etwas damit anzufangen wissen.

Der Artikel zur Büchergarage hat das lustige Dauerprojekt nochmal etwas populärer gemacht. Mittlerweile kommen sie schon aus dem Repetal, was mich außerordentlich freut.

Außerdem habe ich Sehnsucht nach Grömitz. Acht mal früh aufstehen noch, dann gehöre ich endlich mal wieder für eine volle Woche der Ostsee.

So viel zu den Antworten auf Fragen, die mir niemand gestellt hat.

Jetzt aber bitte ich Euch um Rat. Wenn ein Hautarzt im öffentlichen Schwimmbad einen Menschen mit einem Melanom entdeckt, darf er ihn dann darauf ansprechen? Nicht, dass ich Hautarzt wäre oder ein Melanom hätte. Ich denke einfach schon mal so komisches Zeugs, wisst Ihr doch.

Jetzt vom Aufwärm – Beispiel zum konkreten Anlass: Ein Instagram – Bekannter zeigte heute dort in seiner Story stolz ein neues Tattoo. Es erstreckt sich über die komplette Brust und ist ästhetisch wirklich sehr ansprechend. Das Tattoo soll an diejenigen erinnern, die er verloren hat. So weit, so traurig. Allerdings heißt es im Spruch:

„In Memory of those I´ve Lost“ (sic!)

Meine Frage: Darf ich den Bekannten darauf hinweisen, dass er konsequenterweise entweder das „Those“ hätte ebenfalls hätte groß schreiben (lassen) müssen oder das „lost“ hätte klein ausfallen müssen?

Oder wäre das für Euch ein Bruch gegen das Gesetz der Nichteinmischung?

Was denkt Ihr? Ihr müsst nicht hier in den Kommentaren antworten. Aber eine WhatsApp – Nachricht würde mir helfen.

Vielen Dank und eien sensationellen Restfrühling wünscht Euch

Eiten

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Gesellschaftskritik

Warum nicht „Südsauerlandkreis“?

Keine Frage, Olpe hat bestimmt schöne Ecken. Ich habe heute unerwartet eine entdeckt, als ich vom Müller aus Richtung Dornseifer ging, und zwar nicht über die Martinstraße, sondern parallel dazu über eine Art Promenade am teils frei gelegten Olpebach entlang. Da hatte ich zwischendurch sogar das Gefühl, in einer schönen Stadt zu sein. Dieses Viertelchen machte dem Namensursprung von „Olpe“, nämlich „Bach im feuchten Wiesengrund“, alle Ehre. Es zwitscherte sogar der eine oder andere Vogel und ich musste mal nicht wie in Olpe sonst üblich dauernd Angst haben, überfahren zu werden. Besänftigend hinzufügen möchte ich außerdem , dass das neue Café „Extrablatt“ und der Rundweg um den kleinen Abzweig der Biggetalsperre der Stadt zusätzliche Impulse gegeben haben, vergleichbar dem Lennepark für die ansonsten furchtbar hässliche Tallage in Finnentrop.
Überwiegend ist Olpe aber ein spartanisch bebildertes Buch aus grauem Beton. Eine tiefschwarz regierte Verwaltungs – Zweckstadt voller Behördenbauten im Dauerkniest mit dem meines Erachtens attraktiveren Attendorn.
Der Kreis Olpe, dieser Wurmfortsatz des Hochsauerlandkreises, muss seit 1819, obwohl ansonsten meist ganz schön, genauso heißen wie diese Stadt. Seit 1969 gehört auch mein Heimatdorf dazu.

Hier wuchs ich auf und frage mich nicht erst seit meinem Spaziergang durch die Kreisstadt heute, warum den Herren aus der Verwaltung damals kein hübscherer Name eingefallen ist. Prototypisch sei damals auch mal „Südsauerlandkreis“ im Gespräch gewesen; angeblich sei diese Idee gescheitert an dem Umstand, dass es dann auf den Nummernschildern SSK geheißen hätte, mit zwei S als historisch verhängnisvolle Nachbarn.
Nun sind Verwaltungsangestellte und Politiker meistens genauso unkreativ wie das Olper Rathaus hässlich ist, und 1969, als man froh war, dass man als Altnazi das Leben hatte, durfte man von diesen noch weniger marketingtechnische Kniffe erwarten als heute.
Und doch überlege ich manchmal, wie schön es doch wäre, nicht im „Kreis Olpe“ zu leben, sondern im Südsauerlandkreis.
Es hätte eine positive Auswirkung für die kollektive Identität der Menschen hier. Die „Sauerland“ – Aufkleber als Dauerbrenner an Kofferraumklappen beweisen dies. Und stellt Euch mal vor, wie das hier als Ortsschild aussähe:

Ostentrop
Gemeinde Finnentrop
Südsauerlandkreis

Olpe hat real wie als Name in etwa so viel Charme wie „Dickebohnen“, eine „Markise“ oder der „Opel Corsa“. Mir genügt das nicht. Acht Jahre vor meiner Geburt wurde Ostentrop einem „Kreis Olpe“ zugeordnet, den man damals durchaus hätte anders nennen können. Ich fremdle immer noch.

Wem die zwei S am Nummernschild noch immer noch zu heikel wären, dem sei gesagt, dass „SüS“ heute heute dank neuer Schilddrucktechnologien sogar am Nummernschild möglich wäre…

Nachtrag: Ich bin scheinbar nicht alleine. Auf der Lifestyle – Homepage „Die Schlenderer“ fragt Autor Franz Luthe:

„Prosperierender Wirtschaftsstandort plus weiche Standortfaktoren wie wunderbare Landschaft werfen die Frage auf, warum sich der Kreis nach einer mittelmäßig aufregenden Kleinstadt benennt. Südsauerland-Kreis hört sich gleich viiel besser an, hätte bundesweit Strahlkraft und Augenhöhe mit dem touristisch wie wirtschaftlich super beleumdeten Hochsauerlandkreis.

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Lebensgeschichte

Ein endgültiger Abschied

Völlig zertrümmert saß ich vergangenen Mittwoch im Kabelsalat von IN BETWEEN, trank VELTINS „Helles Pülleken“ und spürte seiner Wirkung nach. Ich war zu kaum mehr imstande als einem dümmlichen, rotgesichtigen Grinsen, während die Band Gassenhauer wie „In these arms“ und „Zombie“ raushaute. Nicht nur das Bier wirkte. Auch die Einsicht, dass der Musikerzug für mich längst und wirklich endgültig abgefahren ist, sackte langsam in mich ein.
Ich war niemals groß Teil einer Szene, und ein guter Sänger war ich wahrscheinlich auch nie gewesen, aber die Auftritte mit Even If… seinerzeit im Sportheim und im Pfarrheim hatten mir damals schon sehr gefallen und geschmeichelt. Als damaliger Wahlmünsteraner hatte ich alle möglichen schrägen Typen ins heimische Sauerland gebracht, hatte mich davor gestellt und selbstgeschriebene Gassenhauer gebrüllt, bis ich heiser war. Das war toll, ich war textlich und performancemäßig auf dem Zenit. Schade, dass damals mein Kopf viel zu sehr voller Flausen und Melancholie gewesen war, als dass ich das irgendwie bewusst hätte genießen können.

Es zog alles eher an mir vorbei wie ein Film mit mir als Hauptdarsteller. Empathie Fehlanzeige. Und dann war auf meinen eigenen Trotz hin alles plötzlich viel zu schnell vorbei. Einige Monate später zog sich die Schnecke in mir wieder zurück, nachdem mir der Schlagzeuger nahe gelegt hatte, mehr an meiner Stimme zu arbeiten. Das hatte mich zutiefst verunsichert, mit viel Pathos und Tamtam verließ ich die Band meines Herzens, mit der ich in der LEEZE aufgetreten war, dem Nachbarladen der legendären JOVEL Music Hall. Später trümmerte ich dann noch das musikalisch gute, aber produktionstechnisch grottige „Glorious World“ ein mit DEEP GRAVE, einer, naja, Symphonic Metal -Band mit einem rothaarigen Keyboarder und einem ukrainischen Bassisten, breit wie ein Schrank. Doch damals stellten sich berufliche und persönliche Weichen, und ich konnte nicht wöchentlich 95 km – eine Strecke – für jede Bandprobe fahren mit meinem geringen Einkommen und einem klapprigen weißen VW Polo.

Am Mittwoch roch ich all die Proberäume und Spelunken nochmal, mit ihren Teppichen voller Bier, mit ihren pekigen Mischpulten, roch kalte Asche in bäuchlings auf Boxen liegenden Kronkorken und austrocknende Eddings vom Aufschreiben der Songverläufe. Intro – Strophe 1 – Prechorus – Chorus – Strophe 2 – Chorus – Solo – Outro. So einfach war das bei uns damals selten. Ich zündete mir wieder eine Zigarette an der anderen an, begeisterte das Publikum mit dummen Sprüchen, posierte für Fotoshootings für Stadtmagazine, schlug wie damals mit dem Kopf gegen das Mikrofon, bis der Korb sich dellte, rotzte meine Vergangenheit erst nüchtern aufs Papier und dann verschwitzt durch die Boxen

Das alles zog an mir vorbei vergangenen Mittwoch. Aber irgendwie war das glaube ich nochmal nötig. Zu erkennen, dass ich da jetzt als Gast sitze, als Kiebitz, nicht mehr als Kreativer in diesem Bereich. Zu lächerlich und kindisch kam ich mir vor mit meiner Gitarre, die höchstens noch zu Hause für ein paar Feierabendriffs taugt. Ich hatte sie mitgebracht und mit Philipp und Sebastian auch ein bisschen gejammt, während um mich herum der Monitorsound für die Kopfhörer gemischt wurde. Wir spielten sogar kurz „The Qualities I Lack“ an, aber mehr als das Intro war nicht drin. Die Spur verlor sich, und das rohe Genie eines Andreas, der die Riffs 1999 in einem Proberaum im Hafenviertel geschneidert hatte, kann man nicht mal eben so rekonstruieren. Zumal wir noch nicht mal die Akkordfolgen richtig auf den Schirm bekamen. Irgendwann beriet sich IN BETWEEN darüber, wie genau die Tonfolge im zweiten Refrain von „In these arms“ zu lauten hätte. Der Keyboarder meinte dies, der Basser das, und ich dachte nur, nun denn mein Herz, nimm Abschied und gesunde.

Ich packte meine Klampfe und machte mich wortlos auf den Weg nach Hause.

Meine kreativen Knospen sprießen längst woanders. Und als ich an Fronleichnam aufwachte, erschienen mir der Abend und die ganze da aufgebrodelten Geschichte als nicht mehr als ein ferner Traum, in dem ich auch mal ein bisschen mitgestaltet hatte.

Vorwärts ging es an den Computer. Das Exposé meines Buches gehörte fertig gestellt. Eine neue Eitens Welt wollte geschrieben werden. Das Tagebuch hatte wieder viele leere Seiten. Und morgen würde ich in der Leserille ein bisschen mit Hans – Georg plaudern.

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Wie das Leben so spielt

Homeschooling – Ich möchte platzen vor Wut

Wisst Ihr was, ich möchte platzen vor Wut. Der Tag fing super an, blauer Himmel, Sonnenschein. Die Kinder schälen sich aus dem Bett, Kaffeeduft und Honigtoast. Heute Nachmittag möchten wir unseren neuen Pustepool aufbauen.
Der Blick fällt auf die Schulranzen. Finster blicken sie zurück und erinnern uns an unser kollektives Versagen als schul- und schülerfreundliche Familie. Warum klappt das bei anderen immer so super, dort hinten, in der heilen Welt?

Jeden Montag neue Arbeitsblätter für Sohn und Tochter. Wochenpläne auf Papier. Kontrolle irgendwann im nirgendwo, in drei, vier Wochen, vielleicht überhaupt nicht.

Mittendrin mal ein Englisch – Vokabeltest IN der Schule. Der Sohn macht den Füllerführerschein. Fahrlehrerin ist meine Frau. Mal und geteilt sind jetzt dran im zweiten Schuljahr. Alles auf Arbeitsblättern. Flex und Flo tun ihr bestes, die Lehrerin malt manchmal ein Blümchen und „Viel Erfolg!“ auf das Arbeitsblatt.

Das haben wir uns nicht ausgesucht. „Welchen Wochentag haben wir?“- „Mai.“ Schon klar.

Draußen fiepsen die Meisen, drinnen qualmen die Köpfe über Arbeitsblättern. Die Eltern rasten fast aus. Anhänglich und abhängig sind die Kinder geworden, noch nicht imstande, sich selbst zu organisieren. In der Schule lernt man Fächer. Man sammelt Wissen, das man für die Abfrage parat haben soll. Tiefer sinkt es selten.
Obwohl Schulbücher oft gut und teuer sind, gibt es meistens Arbeitsblätter. In der Schule lernt man nicht, wie man lernt. Wie man sich organisiert. Wie man auf die Welt zugeht mit Fragen und Neugier und Forscherdrang. Man lernt, Arbeitsblätter auszufüllen. Wie kann es sein, dass ein achtjähriger Junge sagt, er habe keine Lust mehr, zur Schule zu gehen? Weil er doof und faul ist bestimmt, weil er undiszipliniert und schwer führbar ist.

Ab und zu kleine Niggeligkeiten mit Klassen- oder Schulleitung. Und dann wieder „halb so wild“. Obwohl wir alle im selben Boot sitzen, rudert doch jeder seinem eigenen System gerecht in seine eigene Richtung. Manche haben noch nichtmal ein Ruder. Manche hängen am Boot. Manche treiben längst mit dem Gesicht nach unten an der Oberfläche.

Biologie und Physik liegen bei der Tochter schon lange brach, die Arbeitsblätter sind im Corona-Ordner fast vergilbt. Erst gehören die Hauptfächer gemacht. Und dann ist oft schon Spätnachmittag. Man sagt dann auch manchmal, jau, komm, egal.

Arbeitsblätter. Arbeitsblätter. Der Drucker streckt die Waffen. Manchmal ein Link ins Netz. Auf einem Arbeitsblatt. Der Aufbau der Blüte. Da geht es auch um Blätter. Um Staubblätter, Kelchblätter. An und für sich gute Aufgaben. Doch der Arbeitsfluss stockt. Nebenan schreibt mein Sohn einen Text ab über die Verantwortung, die man für ein Haustier trägt. Die Lehrerin hatte ihm seinen ersten, krakeligen Versuch fast um die Ohren gehauen. Den hatte er in der Schule angefertigt. Stillarbeit nach einer Woche, in der er eben keine Schule hatte. Da hätte ich auch unkonzentriert geschrieben.

Der Impuls sucht Sündenböcke. Die Regierung hat überreagiert, sagt man. Die Lehrer sind faul, sagt man. Man bringt uns Eltern in Verlegenheit, indem man uns zu Hilfslehrern macht, sagt man. Das Schulsystem ist an der Wurzel verrottet, gehen die anderen noch einen Schritt weiter. Die Corona – Krise lege nun ein Brennglas über Schlechtes und Gutes, bezeichnet man den Schimmel als weiß.

Ich möchte platzen vor Wut. Aber ich möchte nicht all den Höckes und Broders aufsitzen, die jetzt wohlfeil meinen, sie haben das alles ja schon immer gesagt.

Ich bin interessiert am gesellschaftlichen Frieden.
Und außerdem sind da ja noch die echten Probleme. Kindesmissbrauch. Krebs. Trump. Rassismus.
Atmen, einfach atmen.
Mein walisischer Haudegen-Freund Steve sagt immer: „Keep crawling, cockroach!“

Ich muss runter. Die Tochter ruft. Ein neues Arbeitsblatt wartet.

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Proberaum

Mit feuchten Augen rezitiert ihr alte Hüte,
mischt alkoholhaltige Getränke, wippt dazu mit den Füßen.
Tragt Asche vor euch her in verrottenden Kisten;
macht euch damit gegenseitig Kreuze auf die Stirn.
Beim Gottesdienst der wohlfeilen Klassiker.
Der Markt bestimmt die Nachfrage
und wir sind alle noch sechzehn. Immer. Alle.
Sechzehn.

Ab und an ein Höhepunkt vor vielen Menschen
Dann kippt ihr Benzin
über Asche und Kisten und redet euch und anderen ein,
es brenne jetzt das, was einmal die Asche war.
Dann schwitzt ihr und wippt noch mehr mit den Füßen
Manchmal sogar mit den Köpfen.

Nicht mehr genügend Haare auf dem Kopf
benötigt ihr alte Zöpfe, die ihr euch anbindet.
Manchmal entflechtet ihr die Zöpfe und kämmt euch damit
über die Glatzen, so schön von links nach rechts
wie einst Heinz Erhardt. Gelegentlich bangt ihr das Kunsthaar.
Das Haar der anderen.

Es riecht nach Bier und Teppich, es kriecht
der Rauch freiwillig in die Schalldämmung.
Er fühlt sich fad und verschwindet von sich aus,
kurz verstört von einer schnarrenden Welle aus Schall.

Dann fahrt ihr nach Hause, habt altes wie neues
Testament gelesen. Bergpredigt und Psalmen.
Zwischendurch gebetet, in frommer Geistesgegenwart.
Geschöpft? Kreiert? Gewalzt. Verteilt. Verdünnt.
Der Kakao bildet längst keine volle Pfütze mehr.
An Reifenspuren klappriger Vans und glänzender Kombis hat er sich verteilt, kilometerweit
und schmeckt nicht mehr so gut wie damals.

Manchmal schmeckt alte, aufgewärmte Suppe. Wenn Erbsen und Linsen gut durch sind.
Gesotten vom Sud, das dauert Tage und
ist selten, doch soll man hoffen.
Vielleicht zweigt dann, irgendwann, mal wieder eine eigene Idee ab und will
hinaus ins Leben.

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Gesellschaftskritik

Kleiner Impuls zum Thema Rassismus

Ich sitze im Wartezimmer des Zahnarztes. Die Wurzelfüllung pocht. Um zwanzig nach fünf betritt ein junger, schwarzer Mann die Praxis. Seine untere Gesichtshälfte ist mit einem roten Tuch bedeckt.

Ein Bandit, was will der denn in der Zahnarztpraxis? Hier gibt es doch nichts zu holen. Kann der nicht sein Geld auf legale Weise verdienen? Mist, gleich zieht er seine Knarre.

Die Dame am Schalter fragt nach den Symptomen.

Er braucht Argumente, nicht arbeiten zu müssen.

Der junge Mann zeigt mit zugekniffenen Augen auf seinen Oberkiefer.
Sie sagt, es sei nun schon reichlich spät, und es sei eigentlich nachher Feierabend. Er solle am Montag wieder kommen. Wieso der junge Mann nicht vorher angerufen habe? Ja, er hätte gestern angerufen, meint er in gebrochenem Deutsch. Die Angestellte: „Gestern war doch Feiertag in Deutschland.“

Wieso zum Geier kennen die Schwatten die Sitten unseres christlichen Abendlandes nicht?

„Dann hätten Sie doch heute Morgen anrufen oder persönlich vorbei kommen können.“

Erstmal ausschlafen. Diese faulen Neger. Erst kommen sie ungefragt zu uns, liegen uns auf der Tasche, dann morgens lange im Bett und dann strapazieren sie kurz vor knapp auch noch das Gesundheitswesen.

Der junge Mann schaut die Angestellte ratlos, fast flehend an. Diese beendet die Lektion. „Naja, okay“, meint sie, „dann gucken wir uns die Sache einmal an. Nehmen Sie bitte Platz. Füllen Sie bitte alle Formulare aus.“ Das hatte ich vorher auch gemusst – Praxisübernahme.

Name, Adresse, Beruf, Vorerkrankungen, das ganze Getöse mit der Schweigepflicht.

Wartezimmerfeeling. Man kann nicht nicht kommunizieren. Es gibt wegen Corona keine Zeitschriften. Verlegen schaue ich aus dem Fenster.

Na, gucken wir mal, wie weit die Intelligenz hier reicht. Mittlerweile hätte der ja auch Deutsch lernen können, soll er sich ruhig mal durch den Formularkram wühlen, eine gute Erziehung. Jetzt sieht er, was er davon hat, wenn er den ganzen Tag nur auf der faulen Haut liegt, anstatt wenigstens Deutsch zu lernen.

Der junge Mann stöhnt. Schaut immer wieder auf sein Handy, das Formular und zurück.

Ja toll. Handys haben diese Bimbos ja alle. Wahrscheinlich bessere als wir anständigen Arbeiter.

Ich bin Sozialarbeiter. Wir wühlen uns jetzt gemeinsam durch die Formulare.

Oh, ein großzügiger Gutmensch. Du bist ja sowas von moralisch überlegen. Jetzt unterstützt du auch noch die Faulheit dieses dreisten Baumwollpflückers. Und hat der nicht Adidas-Schuhe an? Schwarze sollen gefälligst Schuhe von Crivit tragen. Eiten, die bleiben doch hier, wenn du ihnen ihre Arbeit auch noch abnimmst. Dann werden wir die doch niemals wieder los.

Jetzt gilt es, die Zeile „Beruf“ auszufüllen.

Da haben wir dich, Schändlicher!

Ich frage: „Womit verdienst du hier dein Geld?“

Womit wohl?

Er: „Säge, ähem, hier, Sägewerk, äh, hier so, Sägewerk.“

Und ich so (mit langem, belehrendem Ä): „Aha, Sääääägewerker. Ach so, du machst also aus Bäumen Bretter?“

Und er so: „Jaja, Bretter, in ******.“

Und ich so: „Ach ja, beim *******, na dann kennst du ja auch ****** ?“

Und er so: „Ja klar.“

Und ich so (wild gestikulierend): „Wieso rufst du denn heute Morgen nicht mal eben an oder kommst direkt ganz früh zum Zahnarzt?“

Er so: „Musste arbeiten.“

Jetzt bist Du dran.

Denk Dir sowohl die Fragen als auch die Antworten selbst aus. Diskutiere beides mit Deinem Frühstückspartner.

Es gibt kein Arbeitsblatt zum Ausfüllen und keine Podiumsdiskussion.

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Bücher

Aus dem tiefsten Hessen nach Berlin: Lars Ruppel

Es gibt einen Dichter, der heißt Lars Ruppel. Sein Buch „Die Kuh vom Eis. Neue Gedichte über Redensarten“ lief mir heute im Bücherschrank Altenhundem über den Weg und landete in meiner Tasche. Es sah vielversprechend aus, ich mag wortgewandte Menschen. Ich bin gespannt auf das Buch. 96 Seiten, mal eben weggehapst, ein kleiner Snack, wahrscheinlich schlichte schreiberische Fingerübungen, für die er einen Verlag gefunden hat. Denn er lebt ja in Berlin. Das verrät nämlich stolz die Autorenbio auf dem hinteren Einklapper. Wörtlich heißt es da: „Lars Ruppel wurde 1985 im tiefsten Hessen geboren, heute lebt er in Berlin.“

Na und? Du kannst der größte Idiot sein, dann bleibst du das auch in Berlin. Und wenn du klug und interessant bist, dann bist du das auch im tiefsten Hessen. Dieser erste Satz der Autorenbiografie soll wohl einen Aufstieg bezeichnen – mir erschließt sich allerdings nicht wirklich, mit welcher Berechtigung. Berlin, ich höre immer nur Berlin. Oder Köln. Köln ist auch so ein Berlin. Erst war er bei den dusseligen Landeiern unterwegs, wo keiner sein Talent zu schätzen wusste, aber in Köln / Berlin fand er endlich das ihm würdige und rechte Publikum.

Da treffen sich dann pausenlos all die Kreativen dieser Welt, lungern in Sketch- und StandUp – Workshops herum oder sitzen Latte Macchiato schlürfend mit dem Klapprechner auf den Oberschenkeln am Rhein oder an der Spree und machen Theater oder Lyrik mal eben flott wieder zeitgemäß. Auf dem Land ginge das ja nicht.

Ich würde am liebsten jetzt schon das Buch weglegen für diese Arroganz. Aber ich fürchte, ich interessiere mich zu sehr für das, was der Wahlberliner da zu Papier gebracht hat.