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Wie das Leben so spielt

Der Brummer im Büro

Abends hatte ich die penetrant surrende Fliege, diesen trägen schwarzen Brummer, noch mit Glühbirnenlicht aus dem Schlafzimmer ins Büro gelockt. Schlimm, wenn man sich in die bevorzugte Leseposition gerollt hat und dann merkt, da ist noch ein Insekt mit eigenen Interessen im Raum. Für mich ist ein Brummer beim Lesen schlimmer als eine Mücke beim Einschlafen. Du beginnst den neuen Absatz, Mark Norell will Dir gerade von seinem im Wüstensand steckengebliebenen Mitsubishi erzählen, und plötzlich schmeißt so ein Bsssst – Biest seinen Motor an! Da verliert sogar der wackere Norell hinter den Buchseiten seine Geduld in der fernen Mongolei.

Wie der Brummer dann die Nacht verbracht hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich weiß nicht, ob Insekten schlafen. Er wird sich wahrscheinlich irgendwo hingefläzt haben, seine sechs Beinchen vielleicht an Chewbaccas Haare auf dem Star Wars – Poster geschmiegt. Kann sein, dass er noch eine Rutschpartie vollzog auf der hohen E – Saite. Oder er verspottete ein bisschen meinen Kuschelfrosch, ein Tier von National Geographic, pro gekaufter seltener Tierart in Plüschtiergestalt soundsoviel Dollar für den Naturschutz. Die Fliege hat sich vielleicht dreist auf die im Gegensatz zum Vorbild trockene Oberlippe gesetzt und sich diebisch gefreut über das Ausbleiben einer klebrig – gierigen Zunge.

Morgens kehre ich ins Büro zurück, da hatte der Brummer längst Chewbacca, den Frosch, meine Klampfe oder wahrscheinlich bloß einen x-beliebigen Wandabschnitt verlassen und war in einer Mischung aus Trotz und Drang damit beschäftigt, die Fensterscheibe anzufliegen. Drauf zu, hoch, runter. Ans Licht.

Ich setze mich hin, um die neue Eitens Welt zu schreiben.

Ab und zu lässt er von seinen Anflügen ab und schwirrt durchs Zimmer mit der stolzen Haltung des Fuchses, der seine Traumtrauben eh nicht erreichen kann. „Pah, mir doch egal, die Welt da draußen“, surrt es, „bleibe ich halt hier im Büro und schaue dem Eiten beim Tippen zu.“

Rumms, wieder klatscht das Tier an die Scheibe. Draußen warten der Duft von erstem Heu und Nahrung. Bald wird es Zeit, der kleine Körper ist vom zehrenden An-und Trotzflug schon ganz ausgemergelt. Er und ich möchten nicht, dass er endet wie Abermilliarden Fälle von Fensterbankdörrobst. Bssst, brrrt, dann wäre irgendwann Schluss und niemand hätte es gehört. Ärgerliche Putzfrauen fänden später die knusprige Hülle, kurz frispelte sie im Wischlappen, die Teile im Eimer dann wieder sattfeucht und flugunfähig.

Nein, heute nicht. Nicht Du!

Der Brummer setzt sich auf den Drucker, schielt zu mir rüber, legt den Facettenaugenkopf schief. Wir wissen, was zu tun ist. Genieß den Heuduft! Geh was frühstücken!

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Poesie oder was ich dafür halte Schreiben

Etwas bricht auf

Etwas bricht auf
Etwas brennt
Etwas lodert und bricht auf – wohin?

Zum Licht bricht etwas auf
Bricht auf
Es rast und es rennt – wohin?

Etwas rast und rennt
Es rennt und rast
Macht keine Rast – zur Ewigkeit

Kein Verb gibt´s für die Ewigkeit
Die Suche hat ein Verb
Man geht ein in die Ewigkeit
Die Suche ist Verderb

Ich rühmkorfe, knausgarde, hesse
Verbrenne mir Seele und Fresse
Alles zu heiß, nirgends ein Beweis
Der langsame Gletscher schiebt [und schleift] sachte den Gneis

Er bricht auf
Er rast rastlos
Ist ewig und schmilzt doch
Ein Leben, das Steine vor sich herschiebt

Sisyphos und sein Stein
Jesus und sein Kreuz
Obelix und sein Stein
Die Dichtung und ich
Die Poesie? Lächerlich!

Etwas bricht auf
Etwas lodert und brennt, will hinaus, will nach Haus
In den ewigen Seelenraum, der schlummert, bewacht von
Hustenden, schwächelnden Löwen, aber immer noch Löwen

Etwas rennt
An der Ewigkeit vorbei
Wir genießen lieber
Tag für Tag
Ort um Ort
Wort für Wort

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Poesie oder was ich dafür halte

Ich bin kein Autor

Ich bin kein Autor kein Schriftsteller und kein Intellektueller
Kann die Welt zwar gut in Worte fassen doch so vieles fehlt noch
Und eine Auszeichnung wäre es eh nicht was hätte ich davon
Autor Schriftsteller Blogger na und? Das sind wenn überhaupt Scherben
Im Mosaik aber nicht das Bild nicht das Werk nicht die Idee nicht der Plan
Ich tippe Buchstaben zu Worten zu Zeilen zu Texten wie die Amsel sich
im Ameisenhaufen gern anpinkeln lässt gegen ihre Parasiten oder zum Vergnügen
oder beides so schreibe ich
Gegen meine Dämonen und Parasiten zur Befreiung zur Welterschließung
auf der Suche
Allein der Satzbeginn „ich bin“ trügt, irreführt uns alle, bindet uns auf
Ein Ego das uns zerfrisst und durchsetzt und uns Anhaftung aufschwätzt und
Niedertracht und uns einflüstert wir dürften nicht loslassen das würde die
Zahl der Zacken in unseren Kronen verringern
Die Dornenkrone war auch eine Krone, nicht Jesu Wille geschah sondern Gottes Wille
Der Heiland hätte abhauen können, fliehen nach Indien
Sokrates hätte fliehen können und Mandela hätte allen Grund gehabt
zu fliehen mittels Suizid
Keine Rose wächst und ärgert sich dann ihr Leben lang darüber keine Sonnenblume
geworden zu sein oder eine Mistel unter der sich Millionen von Pärchen geküsst hätten
zur Weihnacht und dann wäre alles gut geworden, aber nein, ich bin eine Rose und
hadere nicht
Eigentum verpflichtet und bindet, wie froh war ich über die Kaninchen und wie sehr habe
ich sie gehasst, beharrlich schauten sie mich an aus großen Augen wollten Futter und Wasser
und haderten nie und hielten mich aus und nahmen Löwenzahn und Gras aus der Hand des Möchtegern
Des Zweiflers der alles versperrt, der alles erdrückt im Wunsch es für ewig zu behalten
Ich bin kein Autor
Kein Schriftsteller
Ein Dichter vielleicht, vielleicht ein guter, aber das wäre wieder
Anhaftung, Ziel, Darstellung und wohin führt das
Erfahrungsgemäß in den Wahnsinn. Ich wäre auch gern gesund und kerngesund
Für immer ohne Last und Mühen und was bringt das, bringt der Tod vielleicht die Würze
Indem er uns ermahnt und korrigiert, indem er letztlich alles verschlingt und uns so
zur inneren Wahrheit führt? Den Tod besiegen, was hieße das? Was bedeutet das?
Woran würde ich merken, dass ich den Tod besiegt habe, überwunden?
Würde ich nach dem Sterben oben stehen in irgendeiner Ewigkeit einer Wesenheit einer Gestalt und würde ich denken, ach wie schön, jetzt habe ich
den Tod überwunden, und alle meine Lieben sind noch woanders und ich bin einsam in der Ewigkeit
Kämen 75 Jungfrauen auf mich zu? Würden sie mich entsaften wollen und wiese ich sie dann, vielleicht bei Nummer
70 auf den Irrtum hin, ich sei überhaupt kein Moslem und hätte mich auch nicht suizidiert in meinem Wunsch nach
Ewigkeit und Dazugehörigkeit
Ich war nie ein Autor, ich war stets Schreibender.
Schreibende wollen kontrollieren und loslassen sich gehen lassen anderen ihren Sprachrhythmus aufzwingen ein Korsett
obwohl es kaum Kommata in sich trägt.
Ich bin ein Suchender und wieder war der Satzanfang falsch, etwas sucht, und es sucht über die Illusion eines Ich
Und die bin ich und frei werde ich nur wenn ich sage oh toll, mein Kreuz, zeig her gib schon her die Schultern werden sich
schon daran gewöhnen
Lass los, lass strömen, schreib Dich frei, schütte dich aus, wirf den Haufen irgendwohin
Wer es mag findet sich darin wieder, wer nicht, der nicht, als hättest du Masse nötig statt Klasse und erschaffst Dir nun eine Elite der Verkopften
Unsinn
Du bist kein Autor, Du bist ein Schreibender, Du befreist Dich durch das Schreiben, sonst würdest Du bekloppt
Zu groß das Universum in Dir, zu klein die Region, in die es expandieren kann
Aber das Universum an sich, sagt die Forschung, schafft sich auch den Raum, in den hinein es sich ausdehnt
Was sagst Du nun, Dichter?
Dichtender?
Schreibender?
Suchender?

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Poesie oder was ich dafür halte

Antwort auf die Ausstellung „Männerwelten“

Lass Dich bügeln, bürsten, pimpern
Dir schmier ich auch mein Gemächt ins Gesicht
Dich knall ich durch, zucke nicht mit den Wimpern
Halt endlich still, wehr Dich doch nicht

Immer ein ich gibt´s und immer ein Du
Immer ein Subjekt und stets ein Objekt
Immer hält wer wem die Mundhöhle zu
Immer spreizt einer, gibt´s einen, der leckt

Heillos verstrickt in die Spaltung der Welten
Heillos ertrunken im Strudel der Zeit
Mutlos verzweifelt will jeder was gelten
Doch es gibt Hoffnung, bald ist es so weit

Stirbt der Verbrenner, stirbt Tönnies, das Böse
Der Kapitalismus am Galgen erstickt
Bald wieder „Scheide“ statt „Bumsrohr“ und „Möse“
Sind wir die Liebe, wird nicht „durchgefickt“

Die Narrative, die ganz großen Bögen –
Geschichten vom Leben, von Liebe, von Mut
Wenn wir anstatt zu waten mal flögen
Sähen wir öfter – alles wird gut

Noch sind wir alle am Strick aufgehangen
Gezwungen zur Trennung, egal was geschieht
Noch müssen alle hoffen und bangen
Gibt es kaum einen, der wirklich klar sieht

Verschwörer, Verlierer, Verräter, Vergehen
Verstimmung, Verirrung, nur Pornos und Tod
Trägheit und Wolken aus Watte im Sehen
Jeder muss lügen und wird nichtmal rot

Setzt Euch ans Feuer und schaut in die Flammen
Starrt nicht nur bloß diese Bildschirme an
Lasst Euch nicht eindimensional verdammen
Zu Schalke und Dortmund, zu Frau oder Mann

Lernt zu verzeihen – versucht, zu vergessen
Denken ist nur ein Gehirn, das Euch narrt
Lernt, nicht zu stopfen, sondern wieder zu essen
Passt auf Euch auf – und jetzt gute Fahrt!

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Schwellenzeit.

Spaziergang, schwüle Abendluft
In meiner rechten Hosentasche zwei Schrauben
Irgendwo ausgebaut, Kleinelektronik, Fuckeleien, was weiß ich

Reibe sie zwischen meinem linken Daumen und dem linken Zeigefinger warm
Nervös, fahrig, zerzaust, dazwischen, zu nichts gehörend
Gehe meine Strecke ab, achtsam und doch ganz weit weg
Linker Hand der Friedhof
Ich versuche, nicht nicht hinzugucken

Rechter Hand frisches Grün, dazu ein Wassertrog fürs Weidevieh
Mampfende Mäuler, saufende, saugende Lippen
Alles durch sieben Mägen und schließlich hinten raus
Das Gras ist selbst als Scheiße noch Nahrung

Schwellenzeit. Übergang.
Setze mich auf eine nasse Bank, packe mein Büchlein aus
Schreiben hält mich zusammen, ich fülle Seite um Seite
Mit Krimskrams, frisch aus dem Kopf

Da steht er nun, hat nichts zu tun –
außer, sich dort auszuruhn.

Die Ziegen mögen Laub vom Baum, die Äste knuspern zwischen den Zähnen
Die Lippen tasten gezielt nach frischem Grün, das ich auf die Wiese werfe
Ich erkenne das Neue noch nicht und das Alte längst nicht mehr wieder

Hinter mir im Gras ein Knuspern, ein Mümmeln
Eine Maus wahrscheinlich, die Löwenzahnsamen frisst
Schauet die Lilien – höret die Mäuslein

Vor mir sacht im Tal der Ort, aus dem ich bin
In dem ich schmore, in dem ich lache, jubele, den Showmaster gebe
Wie wäscht der Einhändige seine Hände?
Ich brauche für Masken kein Virus

Schwellenzeit. Hinter mir ein Raum, vor mir ein neuer
Jaja, Hermann, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne
Geschenkt. Nicht bös gemeint. Dein Steppenwolf war ich.

Worte tasten, Worte suchen, Worte hasten, Worte fluchen
Worte eilen, Worte einen, Worte teilen, Worte weinen
Worte dichten und vernichten
Sie erschaffen und sie raffen
Transformieren, steh´n, vibrieren
Machen flüssig, machen fest
Wenn man sie denn wirken lässt

Ich gehe nach Hause
Durch übermütiges Vogelgezwitscher wehen
die Fallschirmchen heute nicht
Der Schauer hat sie an der Wiese festgeklebt
Müssen sie halt dort keimen. Nächstes Jahr.

Die Schrauben sind mittlerweile warm wie Fieber
Welchen Sinn haben sie ohne die Bauteile, die sie zusammenhalten?
Welchen Sinn macht der Mensch ohne seine Erzählungen?
Von ihm? Über ihn? Durch ihn, mit ihm, in ihm?

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Poesie oder was ich dafür halte

Sauerländer Limericks

Guten Tag, ich habe mal gereimt. Frei raus, frei Haus! Gute Unterhaltung und viel Spaß!

Ein Ingenieur aus Hüsten
Der fühlte überall Zysten
Und redet sich ein
Bald tot zu sein
Und fühlte auch an den Brüsten

Ein Strahlemann aus Neuenrade
Fand einst es besonders schade
Nicht reisen zu dürfen
Um Cocktails zu schlürfen
Darum biss er sich in die Wade

Ein Maurer aus Serkenrode
Ging stets mit der neuesten Mode
Er kaufte sich dies
Und das ohne Kies
Dem Kapitalismus ´ ne Ode

Die bildhübsche Witwe aus Fretter
Die suchte erneut einen Retter
Fühlt sich zu allein
Um glücklich zu sein
Spricht einen an: „Du bist ein Netter!“

Ein Rad gibt´s, das immer sich dreht
Von links nach rechts, von früh bis spät
Das Rad ist das Denken
Es lässt sich nicht lenken
Der Fakir weiß: „Doch, das geht!“

Die hübsche Floristin aus Balve
Liebt Bohnenkraut, Rose und Malve
Die Namen – Latein-
Sagt sie auf gern fein
Begrüßt ihre Kunden mit „Salve!“

Ein Obstbaumveredler aus Valbert
Wurd´ regelmäßig veralbert
Man rief ihn gern „Ochs!“
Und „doofes Gesocks!“
Doch eigentlich hieß der Mann Albert

Ein Gynakologe aus Siegen
Aß heimlich und oft dicke Fliegen
Der Magen tat weh
– Insekten sind zäh –
Dann musste er meist lange liegen

Ein kleiner Herr aus Würdinghausen
Ließ oft und gern krachend was sausen
Die Leute drumrum
Fielen dann um
Doch weiter pupst er ohne Pausen

Ein Buchhändler und ein Fasan
Die schauten am Waldrand sich an
„Du kannst super lesen!“ –
„Und Dein Federbesen
gefällt mir und macht mich sehr an!“

Vorbei schwamm die eifrige Ente
„Was macht ihr euch hier Komplimente?
Ihr schleimt Euch bloßt ein,
um glücklich zu sein.
Doch flüchtig sind solche Momente.“

Der Pastor und die Witwe

Im Biggesee schwamm ein Pastor
Doch kalt war´s, es schmerzt ihm das Ohr
Es piekste und stach
Und groß war die Schmach
Da band´ er sich etwas davor

Und zwar einen Sack mit Schalotten
Den einst er erwarb in Salzkotten
Der war ziemlich schwer
Er ruderte sehr
Musst´ ans Ufer rasch wieder trotten

Begegnete ihm eine Meise
Die hielt sich für besonders weise
Die sagte „Mein Lieber,
du kriegst bald noch Fieber!“
Der Pastor bejahte dies leise

Dann fuhr der Pastor rasch nach Hause
Zwei Stunden lang, flott, ohne Pause
In seinem VW
Das Ohr tat noch weh
Zu Haus´ gab´s zunächst eine Brause

Die Dusche war warm und tat gut
Da schöpft der Pastor neuen Mut
Fuhr wieder zurück
Zwei Stunden am Stück
Und stürzt sich erneut in die Flut

Am Ufer die Witwe aus Fretter
Sprach „endlich, da ist er, mein Retter“
„Doch der Zölibat“,
der Pastor blieb hart
Verfinstern tat sich dann das Wetter

Die Witwe aus Fretter verletzt
Köpfüber zum Biggesee hetzt
Nahm sich die Schalotten
– Die aus Salzkotten“ –
Band sie sich ans Bein „Mann, das ätzt!“

Der Pastor kam nicht hinterher
Das Herz ward ihm plötzlich sehr schwer
Die Witwe ertrank
Der Zwiebelsack stank
Man sah sie dann beide nie mehr

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Glaube und Spiritualität

Bevorstehende Ereignisse

Letztens fielen mir bei einer Haushaltsauflösung christliche Lehrwerke der sechziger und siebziger Jahre in die Hände. Weil ich mich aktuell verstärkt mit meinem christlichen Glauben befasse, dachte ich, schaust du mal rein. Eines der Heftchen hieß „Bevorstehende Ereignisse“. Ein gewisser Josef Kausemann hatte es verfasst, und ich sage direkt vorab: Ich habe es wütend zerrissen und weggeworfen. Ich werde richtig traurig, wenn ich darüber nachdenke, dass mit derartigem Scheißdreck Generationen von Kinder ins Christentum eingeführt wurden. Mit neuen Erklärungen und nicht ohne eine gewisse Genugtuung beobachte ich jetzt wiederum, wie gerade die heutigen 50 bis 70 jährigen der Kirche in Scharen weglaufen.
Mein aktuelles Verständnis von Christentum ist schwer zu erklären, aber leicht zusammenzufassen: Wenn Jesus Christus in einem Grab läge, würde er sich angesichts dessen, was aktuell durch viele Kirchen aus seinem Leben gemacht wird, mehr als nervös darin umdrehen.
Generationen von hoffnungsvollen Nachwuchschristen wurde eingetrichtert, wie böse sie doch sind, dass der Mensch für seine Ursünde büßen müsse und dass die arme Sau Jesus als Lamm Gottes Rotz und Wasser blutend und durstig am Kreuz labbern musste, weil man vor oder in der Ehe masturbiert, hungrig auf dem Wochenmarkt eine Kartoffel geklaut oder sich panisch vor dem besoffenen Alten versteckt hat. „Guck, da hängt das triefende Menschenwrack, weil DU böse bist, ja DU, genau DU! DU bist böse und verdorben! DU bist nicht würdig! Erst, wenn….“
Neben den körperlichen Misshandlungen, die im Namen dieses Gottesverständnisses ausgeübt wurden, dürfen wir den seelischen Schaden, den dieses obendrein höchst autoritär vermittelte Menschen- und Gottesbild angerichtet hat, nicht unterschätzen.
Alle Hinweise deuteten nun darauf hin, hieß es im Heftchen, dass Jesus in Kürze schon zurückkehre und diejenigen richte, die nicht fromm genug waren, sich durch enthaltsamen und frommen Lebenswandel für die Blutspur zu bedanken, die er auf seinem Kreuzweg und auf Golgotha hinterlassen hat, zu bedanken.
Wir sind die armen Sünder, dem Satan immer ähnlicher, man sähe es doch direkt.
Das Gottesgericht stünde unmittelbar bevor, es deute alles darauf hin. Er würde kommen um zu richten die Lebenden und die Toten. Noch nichtmals die spart diese höchst übergriffigen Angstmache aus! Vor unserem Erlöser müssen wir zittern und auf die Gnade Gottes hoffen, dass er uns nicht in die ewigen Qualen leitet wie ein unterbezahlter Bulgare das Vieh zum Schlachthof oder Jabbas Schergen seine Opfer in den Sarlacc. Geht mir doch weg mit dieser Hirnwichse. Was hätte der Herr Kausemann wohl heute geschrieben? Um die Welt ist es nicht besser und nicht schlechter bestellt als vor 50 Jahren, aber auch heute fände der Autor sicher tausend Gründe, aus denen wir in Kürze im Höllenfeuer schmoren.
Ich kenne eine Alternative; es gibt für mich ein gutes Christentum. Es braucht sicher noch ein bisschen, bis mir spruchreif klar wird, wie die aussieht. Was ich verabscheue, ist mir bei der Haushaltsauflösung aber mal wieder sehr bewusst geworden.
Auf dass sämtliche Heftchen und Katechismen dieser Art schnellstens in nicht kratzendes Klopapier verwandelt werden!

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Bücher Finden und sich finden lassen

Dies und das und Ananas


(Ach, was ist das alles schön im Moment!)

Der Mai ist gekommen. Wir merkeln uns durchs Leben. Müssen gucken, wo wir bleiben. Und ob wir da bleiben wollen.
Wir kritisieren fahrig aneinander herum, ermutigen uns halbgar, zeigen uns wahlweise ösig oder euphorisch und wichsen unsere Gehirne. Apropos. Hier ein super empfehlenswertes Buch:

Knut ist tot. Eine Feder und ein Holzrestekreuz zieren sein Grab.
Irmgard zog auf einen Ferienhof. Silvia aus Milchenbach, Chefin der Bauernhofpension Pohl, klagte kein bisschen über die „Mitgefangen, mitgehangen“ – Politik, die die Gastronomie genauso fickt wie Anbieter autarker Ferienwohnungen. Sie zeigte uns stattdessen stolz ihre Schildkröten, freute sich über ihren übermütigen Kater und hielt weise ihr Gesicht in die Sonne. Ich habe kein einziges schlechtes Wort von Silvia gehört an diesem Vormittag. Dorthin konnten wir Irmgard gut gehen lassen.

Ab und zu sieht man mich im Papiercontainer krosen. Ab und zu bekomme ich anfragen, Bücher abzuholen in Haushalten. Das mache ich wacker weiter, wenngleich die Garage aus allen Nähten platzt. Im Container vor einem Haus fand ich das hier:

Ein dekoratives, schönes Etui mit etwas, was sich „Dr. Liebreichs Augenspiegel“ nennt und bis in die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts für die Augenheilkunde hergestellt wurde. Wunderbar für mein Kuriositätenkabinett; es passt hervorragend zwischen die vertrocknete Libelle, die fossilen Ammonitenabdrücke aus Holzmaden und den Fadenzähler, den ich vor vier Jahren mal auf einem Bürgersteig gefunden habe.

In Münster entdeckte Katrin an der Bremer Straße einen Laden namens „Poptanke“. Wir waren eigentlich schon geknickt auf dem Weg nach Hause, da fiel meiner Frau das hübsche Schaufenster auf. Ich also nach aufreibender Parkplatzsuche um den Block rein ins Geschäft. Wow, da sah es ja aus wie bei mir zu Hause! Das band ich direkt der schüchternen Verkäuferin auf ihre hastig maskenbedeckte Nase und sonst noch so einiges, wonach sie mich nie gefragt hatte. Ich bedauerte, nur etwa vierteljährlich nach Münster zu kommen, es hätte auch alles ganz anders kommen können, schließlich hätte ich ja auch hier studiert und blablabla. Sie bedauerte es nicht. Jedenfalls verließ ich den Laden mit oben gezeigtem Buch, noch einem übers Christsein, einem Olchi – Buch für Mats und der Lacrimosa – Platte „Angst“, nach deren Genuss man sich, sollte man noch Zweifel gehegt haben, freiwillig aufknöpft. Aber hey, ich muss ja die Ursuppe dessen verstehen, was mir später in Gestalt von „Stille“ viele wundervolle Momente bereitet hat.
Wir gurkten durchs Hafenviertel, um das Auto zu parken für einen spontanen Spaziergang. Auf Außenstehende mag das skurril gewirkt haben: Auf dem Rücksitz zwei Medienzombies, auf dem Beifahrersitz eine fröhliche Frau, und gesteuert wird der winzige Peugeot von einem kahlköpfigen Familienvater. Zu allem jimmelt Thilo Wolff seine letzten Worte in den Äther.

Zurück zu Hause erfuhr ich, dass meine Eltern nebenan wieder Besuch von einem Buchfinken bekommen, der beharrlich an ihr Küchenfenster pickt, genau wie vergangenes Jahr. Ich denke, er ist wieder im Balzmodus und erkennt im Fenster einen Rivalen. Auch so eine Hirnwichserei. Der arme Kerl macht sich jetzt völlig kaputt. Aber tun wir das nicht alle aktuell irgendwie?

So, Schluss jetzt. Die Überschrift versprach noch eine Ananas, also bitte sehr:

Bis bald in Eitens Welt!

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Kleine Kladde, große Gedanken

Gestern habe ich im Papiercontainer ein kleines Notizbuch gefunden. Es war von 1986, wie dem Datum des ersten Eintrags zu entnehmen war. Jemand hatte euphorisch mit einem Tagebuch begonnen, doch der Elan hatte offenbar rasch nachgelassen – schon nach vier Seiten war Schluss. In einer anderen Lebensphase wurde von der anderen Seite aus nochmal eine Rezeptesammlung versucht, die allerdings ebenso nach gut vier Seiten verebbt war.
Ich habe diese Seiten rausgeschnitten und werde den Rest des Büchleins jetzt für meine „Schwallbecken“ – Aufzeichnungen nutzen. Der elfte dieser meiner mobilen Gedankenspeicher ist nun bald voll, der zwölfte wird die Chinakladde aus 1986 sein.
Mich fasziniert neuer Sinn für aussortiertes Material. Wenn das Buch selbst erzählen könnte, wie es da jahre- und jahrzehntelang gelegen hatte, mehr oder weniger leer, dann aussortiert worden war und dann schließlich den Weg von zum zu Altpapier geweihtem Papier zu neuem Leben, das wäre eine interessante Geschichte. Mir als vorerst letztem Akteur im Leben des Buches werden auf immer viele spannende Informationen über es fehlen.
Nicht, dass es auf diese paar Gramm vorerst gesparten Papiers ankäme. Aber stellt Euch mal vor, wir würden jedes Ding, das wir hätten, konsequent bis zum tatsächlichen Ende nutzen und bis es so weit wäre vielleicht auch reparieren.
Dann bliebe das eine oder andere Wäldchen sicherlich stehen.

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Biologie Glaube und Spiritualität

Dunkle Impulse

Den Behandlungsplan auf den Werbezettel einer Tierbestattungsfirma aufzuschreiben, war vielleicht wirklich keine gute Idee der Tierärztin. Und wenn ich jetzt Knut über eine Firma begraben lassen wollte, würde ich diese garantiert nicht nehmen.
Aber er kommt raus in die Natur, in Sicht- und Spürweite zu uns, die er leider nur ein Jahr erfreuen durfte. Seine Schlappohren, sein frohes Gemüt, seine Geduld, all das war dem Parasiten schnurz. Jetzt sterben die Parasiten mit dem Wirt, geschieht ihnen recht, was nimmt dieses Wesen sich eigentlich raus, Knickohr einfach so seinen Partner zu nehmen? Die ganze drecks Parasitenbrut, das ist alles nicht fair. Und ich muss wieder mal aufpassen, dass ich nicht zu nah an die dunkle Seite meiner Impulse gerate, die alles kontrollieren und beherrschen will und Tod und Dummheit auf Teufel komm raus aus der Welt, mit Stumpf und Stiel ausrotten will.
Heute Nacht war ich schon mal an dieser Stelle, als ich im Traum Donald Trump gegenüber saß. Doch, doch, er hatte mich tatsächlich eingeladen, zu irgendeinem Staatsbankett oder so. Dann hatte ich tatsächlich Gelegenheit, ihn zur Rede zu stellen. Mir allerdings war nicht nach Reden, am liebsten hätte ich diesen Wichser direkt ausgeweidet, mit einem ganz stumpfen Messer. Und dann aufs Grab gepisst. Das volle Programm.

Cut:

Es geht immer ums Loslassen. Ich kann nicht verhindern, dass einige hirngeschädigte Amis die Nachgeburt des Bösen zu ihrem Präsidenten küren. Ich kann nicht verhindern, dass ein Parasit das Gehirn meines Kaninchens befällt. Ich kann nichts kontrollieren. Gar nichts.
Ich kann nur immer weiter Arbeiten. An meiner Haltung zu den Dingen, an einer größeren Geschichte, in die Leben und Sterben, Gut und Böse letzlich eingebettet sind.
Immer wieder, immer noch. Jeden Tag aufs Neue.